Konfetti für den »Trauermarsch«

Demonstrative Partystimmung soll den Neonazis die Lust auf ihren jährlichen Besuch in Bad Nenndorf verderben

Mit Party hatten die Neonazis bei ihrem »Trauermarsch« am Samstag durch Bad Nenndorf wohl am wenigsten gerechnet. Doch genau so verdarben die Gegner des Aufmarsches ihnen die Stimmung.

Entlang der Demonstrationsstrecke der Rechtsextremisten vom Bahnhof zum Wincklerbad im niedersächsischen Bad Nenndorf schallte aus Lautsprechern Pop und Tanzmusik, aus Fenstern regnete es Konfetti. Knapp ein Dutzend private Feiern waren für den Nachmittag angekündigt worden – von Bad Nenndorfer Bürgern, Vereinen und Gemeinden. Die Polizei trug Sorge, dass die meisten Gäste die Feste auch erreichten.

Bereits das sechste Jahr in Folge war die Kurstadt Schauplatz eines rechten Aufmarsches. Anlass: Im Wincklerbad hatte die britische Armee nach dem Zweiten Weltkrieg ein Verhörzentrum, unter anderem für Nationalsozialisten und Wehrmachtssoldaten eingerichtet. Es kam dort auch zu Übergriffen auf Gefangene, für die sich die Regierung in London später entschuldigte. Die Nazis wollen Bad Nenndorf deshalb zu einer Art Wallfahrtsort machen.

Nachdem 2010 rund 1000 Rechtsextremisten durch die Kurstadt gezogen waren, kamen dieses Mal etwa 700 mit weißen Hemden und schwarzen Hosen bekleidete Rechtsextremisten zum »Trauermarsch«. Die Proteste liefen bereits am Freitag an. Mehr als 600 Bad Nenndorfer beteiligten sich an einer Menschenkette auf dem einen Kilometer langen Marschweg der Nazis zwischen Bahnhof und Wincklerbad. An Bäumen, Laternenpfählen und Zäunen hingen bunte Luftballons und Plakate: »Nazis raus«. Als die Kette geschlossen war, klatschten die Teilnehmer Minuten lang Beifall. Die Bürger wollten dafür sorgen, »dass sich die Nazis hier so unwohl wie möglich fühlen«, sagte Steffen Holz vom Bündnis »Bad Nenndorf ist bunt«, bei der anschließenden Kundgebung. Im zehn Kilometer entfernten Haste demonstrierten am Freitag Schüler, Eltern und Lehrer am Umsteigebahnhof der Neonazis.

An der Demonstration des Bündnisses in Bad Nenndorf am Samstagmorgen beteiligten sich rund 1200 Menschen. Während die Polizei keine Zwischenfälle meldete, beklagten auswärtige Nazigegner, ihre Fahrzeuge hätten stundenlang in einer Polizeisperre festgesteckt. Zu den zum Nazi-»Trauermarsch« am Samstagnachmittag angemeldeten Feierlichkeiten zählte auch das Schabbat-Fest der Nenndorfer jüdischen Gemeinde. Die Veranstaltung in der Bahnhofstraße wurde von starken Polizeikräften geschützt. Als die Rechtsextremisten am Gemeindezentrum vorbei-marschierten, schallte ihnen ein hebräisches Lied entgegen: »Hevenu schalom alechem« – »Wir bringen euch Frieden.«

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Marina Jalowaja, zählt zu den sechs Unterzeichnern eines Briefes an Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann. Darin wird gefordert, dass der CDU-Politiker »…nach Bad Nenndorf kommt und uns vor Ort erklärt, warum wir den Aufmarsch der Neonazis bis 2030 erdulden müssen«. Bereits bis zu diesem Jahr liegen der Stadtverwaltung Anmeldungen zu Naziaufmärschen vor. Eine Antwort auf das schon Mitte Juni versandte Schreiben hatten die Absender bis zur vergangenen Woche nicht bekommen. Der Brief sei auf seinem Weg durch die Büros des Ministeriums hängengeblieben, hieß es in Hannover. 2010 hatte Schünemann noch schnell reagiert, als er dem Bündnis »Bad Nenndorf ist bunt« vorwarf, sich nicht ausreichend von »Linksextremisten« distanziert zu haben.

Etwa 800 Menschen versammelten sich am Samstagabend zu einer Protest-Kundgebung in Bielefeld, wohin offenbar viele Neonazis aus Bad Nenndorf weitergereist waren. Die Polizei brach ihren Aufmarsch nicht weit vom Hauptbahnhof zur Freude der Blockierer ab.

(Foto: dpa)

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