Mann bleibt Mann

»Was Ihr wollt« als spätes Vergnügen im Amphitheater

  • Lucía Tirado
  • Lesedauer: 3 Min.

Zu Shakespeares Zeiten lief das so: Männer spielten Frauen, um sich dann wieder in Männer zu verwandeln. Oder auch nicht. Beim Hexenkessel-Hoftheater heute spielen Frauen Männer, um sich wieder in Frauen zu verwandeln. Oder auch nicht. Rasant vollziehen sich die künstlerischen Geschlechtsumwandlungen. Der Not gehorchend. Der Liebe auch. So ist er exemplarisch, der Satz: »Wenn ich mir da nur nichts vormache«.

Des alten Dichters »Was Ihr wollt« erlebte in Jan Zimmermanns Inszenierung seine umjubelte Premiere im Amphitheater. Die zweistöckige Kulisse - in diesem Jahr mit vier Säulen ausgestattet - bekam wie hier immer bei Shakespeare ihren roten Hintergrund. Zuweilen auch Bühnennebel. Der wirkt überflüssig. Unter freiem Himmel weiß man doch ohnehin nie, wohin er sich zu verziehen gewillt ist.

Vortrefflich besetzt sind die Frauen als Männer. Mit Verve in der Doppelrolle sieht man Ina Gercke abwechselnd als die Geschwister Viola oder Sebastian. Weiß sie als Diener verkleidet den Grafen Orsino so zu betören, dass er drauf und dran ist, es mit diesem jungen Kerl zu treiben, stürzt sie sich bei anderer Gelegenheit perfekt fechtend ins Scharmützel.

Carsta Zimmermann spielt, sich deutlich dumpfbackig gebend und entsprechend plump kostümiert, den glücklosen Sir Andrew, der am Ende leer ausgeht oder vielleicht mit Sir Tobi einen trinken. Die Rolle ist witzig, kann jedoch vom Charakter her kaum gewitzt sein. So wird sie von der Schauspielerin mühelos bewältigt wie zwei weitere, ruhigere Rollen als Curio und Pater - das ist ihr aber nicht auf den Leib geschrieben. Sie darf nicht zeigen, was sie kann, ist unterfordert. Rebekka Köbernick ist als Gräfin Olivia bei jedem Auftritt schlagfertiger und schöner werdend und als lebenstüchtige Dienerin Maria mit mehr Glück bedacht. Das reizt sie auch aus. Man sieht, sie genießt es.

Die Männer dürfen Männer bleiben in dem furiosen Verwechslungsspiel. Roger Jahnke ist beeindruckend eingesetzt als Fremder in der von Regisseur Zimmermann erdachten effektvollen Eröffnungsszene und als Antonio. Der rettete dem von seiner Schwester Viola tot geglaubten Bruder das Leben. Die Schwester indes, durch Schiffbruch nun einmal an der Küste Illryens gelandet, schlüpft in des Bruders Rolle, um sich am Hofe des verfeindeten Grafen als Diener zu verdingen. Als ihren Herrn, den von Liebesschmerz gebeugten Orsino und Sir Tobi - also in Rollen, die in ihrer Ausstrahlung kaum gegensätzlicher sein können - ist Vlad Chiriac bei der neuen Inszenierung zu erleben. Würde wie Laxheit weiß er gut anzubringen.

Dass er die so schön eigene Spielart des Hexenkessel-Hoftheaters noch nicht wie die anderen im Blut hat, sieht man bei Michael Golab. Erst seit dem Winter fürs Märchenspiel im Ensemble, bewältigt er beispielsweise als mit seinen Gefühlen in die Irre geleiteter Haushofmeister der Gräfin die Szenen ausgesprochen ulkig. Wie ein Spießer in der Brunft ist er da drauf und dran, den gesellschaftlichen Aufstieg erfreut bedenkend, seiner Herrin auf die Pelle zu rücken. In anderen Momenten aber weiß er das Komödiantische nicht zu verkörpern. Da trägt er die Komik nur vor sich her.

Das spielt sich noch ein, denn insgesamt ist es sehr gut gemacht und verspricht ausgiebiges Vergnügen in den Spätvorstellungen des Amphitheaters. Jeweils vorher geht es noch turbulenter zu bei »Candide« nach Voltaire oder »Mirandolina« von Goldoni. Was ihr wollt.

Die beiden Stücke starteten auch bestens im Monbijoupark und werden - vorerst bis Ende Juli geplant - im Wechsel gezeigt. Die Komödianten sind bereit. Dem Genuss des Hexenkessel-Theatervergnügens steht nichts im Wege.

Di.-Sa. 19.30 Uhr: »Candide«/«Mirandolina«; 21.30 Uhr »Was Ihr wollt«, Amphitheater, Monbijoustr. 1, Mitte, Tel.: 288 86 69 99, www.amphitheater-berlin.de

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