Shakespeare in der U-Bahn

  • Lesedauer: 3 Min.

Nach fünf Stationen sind sie alle tot: Paul Marino, Ana Mena und Stefan Witt liegen auf dem schmutzigen Boden der U-Bahn-Linie 5 und rühren sich nicht mehr. Die Fahrgäste, die zuerst irritiert waren und dann amüsiert, sind jetzt begeistert. Applaus brandet auf, Handykameras werden gezückt, jemand ruft »Zugabe!«.

Davor haben Marino und Witt gekämpft, sich gegen die U-Bahn-Türen geschmissen, durch den Waggon gezerrt. Mena hat den sterbenden Marino geküsst und sich dann erdolcht. Ein zugestiegener Fahrgast wollte sie zwischendurch aus Marinos Klammergriff befreien. Sie rief ihm zu: »Schon okay, es ist Shakespeare!« Der Mann wirft ihnen später Geld in die Mütze und bedankt sich für die Show.

Paul Marino ist Schauspieler, die Berliner U-Bahn seine Bühne. Der 30-jährige Amerikaner trägt zur zerschlissenen schwarzen Jeans Vollbart und Knieschützer - den Bart für die Rolle von King Henry VIII. bei »Shakespeare im Park«, die Schützer, damit er sich ordentlich auf den Boden schmeißen kann beim Kämpfen und Sterben im Berliner Untergrund.

Shakespeare hat er schon in den U-Bahnen von New York, London und Amsterdam gespielt. In Venezuela, Russland und Spanien hat er als Straßenkünstler gearbeitet und Stücke geschrieben. Als es ihn vor ein paar Monaten nach Berlin trieb, hatte er »kein Geld und keinen Plan«.

Dann traf er die »Shakespeare im Park«-Truppe, stieg dort ein, fand bei einer der Schauspielerinnen Unterschlupf. Mit zwei weiteren - der Spanierin Mena und dem Berliner Witt - begann er, in der U-Bahn Shakespeare zu spielen: »Seine Sprache ist so speziell, dass die Leute sofort merken: Das ist Theater, das sind gar keine Irren.«

Inka Paul, Dramaturgin aus Berlin, kann Marinos Begeisterung für Shakespeares Sprache verstehen: »Selbst bei obszönen und gewalttätigen Straßenszenen ist er poetisch«, sagt sie. Außer für Shakespeare kann sich Marino auch für die U-Bahn als Bühne begeistern: »Es kann sich jederzeit alles ändern. Ein Betrunkener steigt ein oder alle steigen plötzlich aus«, sagt Marino. Die Reaktionen des Publikums, von Ablehnung bis Begeisterung, seien außerdem echt. Niemand applaudiere nur aus Höflichkeit.

Ein Jugendlicher pöbelt die kämpfenden Schauspieler an: »Soll ick ma mitmachen? Ick zeig euch, wie dit richtig jeht.« Eine Mutter hält ihrem Jungen die Augen zu: »So brutal, muss das sein?«, schimpft sie. »Können die nicht Rotkäppchen spielen?«

Marino sind alle Reaktionen lieber als Gleichgültigkeit: »Die Leute sind in sich selbst versunken oder mit ihren Smartphones beschäftigt. Wir reißen sie aus ihrer Isolation, verbinden sie für einen Moment. So kreieren wir etwas aus dem Nichts heraus.«

Der New Yorker holt einen zerknitterten Zettel aus seiner Hosentasche. Es ist ein Verbot, sämtliche Berliner U-Bahnhöfe zu betreten, inklusive der Vorräume. Neulich hat Mena sich als Julia mit einem Plastikmesser erdolcht, eine Frau hielt das Messer für echt, zog die Notbremse. »Plötzlich waren überall Leute in Uniform. Das gab richtig Ärger«, erzählt Marino. Er hat die Linie gewechselt, um möglichst nicht die gleichen Kontrolleure anzutreffen.

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