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  • Kultur
  • Wilfried Minks inszenierte Turrinis „Tod und Teufel“ am Schauspielhaus Hamburg

Drastische Sprache, grelle Karikatur

Die Hamburger Boulevardpresse wußte es schon vor der Premiere: „Tod und Teufel“ wird ein Skandal, hier bleibt dem Besucher nichts erspart.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Den Zuschauer erwarten zweieinhalb Stunden Langeweile. Und das liegt vor allem an Turrinis Text, der nicht mehr ist, als eine Aneinanderreihung gesellschaftlicher Mißstände. Ob Pornographie oder Gewalt, ob Drogenabbhängige oder Waffenschieber, der Sensationsjournalist oder kaputte Arbeitslose – hier kommt alles vor. Doch Turrini nimmt seine Figuren nicht ernst. Er ermöglicht ihnen keine Entwicklung, sondern degradiert sie zu exotischen, grellen Typen.

In mehreren Stationen zeigt „Tod und Teufel“ die Odyssee des Kleinstadtpfarrers Bley (Roland Renner), auf der Suche nach der Sünde. Gemeinsam mit Rudi, einem jungen Arbeitslosen im Ram-

bo- Verschnitt, findet er sie in der Hauptstadt, wo das Leben einer Apokalypse gleicht. Bley lernt Bordelle und Perversitäten, High- Society-Feiern und erbärmliche Kneipen mit gleichgültigen Gästen kennen. Und Magda Schneider (Christa Berndl), eine zur notorischen Ladendiebin verkommenen, arbeitslosen Verkäuferin. Bei ihr wohnt der an diesem Leben verzweifelnde und später drogensüchtige Bley, zwischen Bergen geklauter und unnützer Konsumgüter.

Auf der anderen Seite amüsieren sich die Herrschenden. Zum Beispiel mit einer „Identitätspartie“, auf der ein Minister als Caesar, der Journalist als Paradiesvogel und Waffenhändler Walter Leschitzky als Papst auftreten. In wallendem Talar, mit schwarzen Nylons und rasant rollschuhfahrend, führt Dieter Mann, der Intendant des Deutschen Theaters, die Korruptheit der Kirche vor, erzählt er ge-

nießerisch von den Aufträgen, die er als Waffenhändler von ihr erhielt – Tod und Teufel eben.

Am Ende dieses Stückes, der Reise Bleys durch die Gesellschaft, triumphieren die Reichen. Bley, Magda und Rudi sind die Opfer. Tja, so ist das Leben... Nein, so ist es eben nicht! Die grotesken Szenen, die laut Turrini den Betrachter aufrütteln sollen, bleiben nämlich erbärmlich weit hinter der Realität zurück. Da weder Turrini seine Personen ernst nimmt, noch Wilfried Minks in seiner Inszenierung über das direkte Bebildern des Textes hinausgeht, rührt das Schicksal Bleys und Magdas nicht an, bringen Leschitzky oder der Journalist einen nicht in Wut. Denn schrille Karikaturen braucht man nicht ernst nehmen, sie zeigen nichts, außer Plattheiten. Diese Typisierung gesellschaftlicher Zustände reicht nicht an das wirkliche Elend von Arbeitslosigkeit her-

an, sagt nichts über ihre Ursachen. Leschitsky wirkt selbst beim Verspeisen von Menschen noch niedlich, denkt man an die Waffengeschäfte, die in Irak hunderttausende Tote zur Folge hatte, an die Interessen, die hinter diesem Krieg standen und stehen.

Weder sprachlich noch gedanklich erreicht Turrini in „Tod und Teufel“ die Wirklichkeit. Seine Bilder sind gesellschaftspolitische Verkürzungen ohne Analyse.

Mag sein, daß Kolportagen dieser Art für kritische, aber perspektivlose Schreiber momentan die einzige Möglichkeit sind, sich mit gesellschaftlicher Realität auseinanderzusetzen. Doch zur Spiegelung gesellschaftlicher Prozesse, geschweige denn zur Provokation neuer Ideen, gehört mehr als drastische Sprache, verpackt in grelle Karikaturen.

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