Ein Foto aus dem Museum Auschwitz: Vater, Mutter, Kind - sie wirken wie eine glückliche Familie. Eine schöne junge lächelnde Frau; man sieht ihr die Ängste, Demütigungen der letzten Jahre nicht an. Man ahnt nicht, dass der Mann vor einer Stunde vielleicht noch Häftlingskleidung getragen hat, dass Hemd, Krawatte und Anzug für ihn aus der Kleiderkammer der SS geholt worden sind. Nur für die Hochzeit. »Eine Hochzeit in Auschwitz? Zwischen einem Häftling und einer Frau von draußen? Sowas hätten die Nazis nie zugelassen«, bekam Erich Hackl zu hören. Aber der in Wien und Madrid lebende Autor hat nicht nur die Begleitumstände jener Hochzeit recherchiert, sondern auch das Vorher und Nachher. Die ganze Lebensgeschichte des Österreichers Rudi Friemel, der während des Bürgerkrieges die Spanierin Margarita Ferrer kennenlernte und sich so rasend verliebte, dass er im französischen Internierungslager, im österreichischen Zuchthaus und schließlich im KZ nur diesen einen Wunsch hatte: Sie heiraten zu dürfen.
»Ein Buch, in dem neben der Liebe das Vertrauen im Mittelpunkt steht - in das Menschenmögliche.« - So heißt es im Klappentext. Wollte man die Leser mit der Vorstellung von einer romantischen Liebesgeschichte locken? »In der Hölle ist alles möglich, auch der Himmel«, wie eine Stimme im Text sagt. Das Buch gewinnt seine Spannung aus dem Widerspruch zwischen dem wirklichen Geschehen und dem Bild, das sich die Beteiligten davon machen. Besser gesagt: den Bildern. Selbst diejenigen, die bei der Eheschließung in Auschwitz dabei gewesen sind, haben offenbar Unterschiedliches erlebt. Seinen Mithäftlingen gibt Rudi Friemels Liebe Mut. »Bis dass der Tod euch scheidet Die Hochzeit war der unwiderlegbare Beweis unserer Existenz.« Doch da ist noch jene Frau, die der Spanierin wegen verlassen worden ist, ein Sohn aus dieser ersten Ehe, Norbert Friemel, dem zeitlebens eine Narbe bleiben wird. Und das Kind auf besagtem Foto, Edouard Friemel, das kaum Erinnerungen an seinen Vater haben wird, das nach dem Krieg einen strengen Stiefvater bekam. Schließlich die junge Mitgefangene, die sich im KZ in den frisch Verheirateten verliebt «
»Eine Begebenheit«, nennt Erich Hackl sein Buch bescheiden. Aber eigentlich ist es ein Jahrhundertroman. Von den Träumen und Enttäuschungen der Linken. Denn Rudi Friemel, Margarita und ihre resolute Schwester Marina sind überzeugte Sozialisten, Kommunisten gewesen. So wie Rudis Genossen im Spanienkrieg, die Mithäftlinge im KZ. Das ist ihre Gefährdung, aber auf andere Weise auch ihre Rettung gewesen. Sie trugen etwas in sich, woran sie sich halten konnten. Dieser Glaube war nicht nur politischer Natur, es war in einem umfassenden Sinne ein Bündnis zwischen dem einzelnen und der Welt, dem die Zuversicht zu Grunde lag, dass die Dinge den Lauf nehmen, den man ersehnt - und die Energie dazu kam aus dem eigenen Bemühen, jedes Opfer hatte seinen Sinn. Margarita verlor ihre ganze Lebenskraft, als ihre Ideale ihr wie Hirngespinste erschienen. Rudis Söhne in gesicherter bürgerlicher Existenz können ihn um den Glanz seines kurzen Lebens beneiden. - Das lese ich aus dem Buch heraus. Anderen mag es anders gehen.
Denn der Autor hatte zunächst nur eines im Sinn: Diese Hochzeit in Auschwitz und die mit ihr verbundenen Schicksale vor dem Vergessen zu bewahren. Er hat sich, wie auch in früheren Büchern schon, von einem authentischen Fall zu umfangreichen Forschungen anregen lassen, hat Zeugen befragt, Erinnerungsprotokolle ausgewertet. Was durch die Zeit zu einem bloßen Fakt geschrumpft ist, sollte sich wieder zu einer lebendigen Geschichte entfalten. Und das ist Erich Hackl gelungen. Beim Schreiben hat er sich selbst ganz zurückgenommen. Auf kunstvoll kunstlose Weise ist der Text aus verschiedenen Stimmen komponiert: Marina Ferrer, Norbert und Edouard Friemel, anonyme Leidensgefährten aus Auschwitz, zwei Totenschreiberinnen aus dem Standesamt des Lagers, ein skrupelloser Bewacher - oder ist es gar ein Häftling? -, der das Geschehen an der Rampe beschreibt, ein Polizist aus Wien, der »mit den Nazis gut ausgekommen« ist Und Rudi Friemel selbst. Am Anfang erscheint er Marina im Traum. Gegen Ende immer häufiger fühlt sich der Autor mit ihm im Gespräch. Und immer noch trug er sein Hochzeitshemd, das mit Rosen bestickt war ... und in dem er gehenkt worden ist.
Erich Hackl: Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit. Diogenes Verlag. 184 Seiten, Leinen, 16,90 EUR.
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