Gefühl der Verlorenheit

Vaterland von Thomas Heise

  • Von Martin Mund
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Es war nicht anders zu erwarten, als dass Thomas Heise auch mit »Vaterland« wieder einen radikalen und radikal persönlichen Film vorlegen würde. Alle seine Arbeiten, von »Das Haus« (1984) über die Eisenhüttenstadt-Studie »Eisenzeit« (1991) bis zu den in Halle-Neustadt angesiedelten beiden Teilen des »Stau« (1992/2000), sind eben nicht nur dokumentarische Zustandsbeschreibungen einzelner Orte und ihrer Bewohner, sondern machen das Lebens- und Zeitgefühl des Autors, seine Sicht auf und sein Leiden an der Welt transparent. Es sind philosophische und spirituelle Filme, in denen alltägliche Momente zu Metaphern verdichtet werden: Sie stellen Fragen nach dem Zustand der Menschheit. In »Vaterland« begegnet Heise jenem Dorf, in dessen Nähe sein Vater Wolfgang und sein Onkel Hans am Ende des Zweiten Weltkrieges am Bau eines Militärflugplatzes beteiligt waren. Am Anfang und am Schluss des Films werden Auszüge aus Briefen der beiden an ihren Vater und aus dessen Antworten zitiert, ohne dass der Regisseur seine eigene verwandtschaftliche Nähe zu den Schreibern offenbart. Allerdings finden die alten Briefe und die neuen Bilder zu einer subtilen Korrespondenz: Beides sind Nachrichten aus einem Zwischenreich des Vergehens und des Abschieds, in dem man dem Leben bei der Arbeit - das heißt: beim Sterben - zusehen kann. Während die Briefpassagen aus dem Off verlesen werden, fährt die Kamera Peter Badels an dem stillgelegten Flugplatz, den verwitterten Start- und Landebahnen, ausgeschlachteten Baracken und Wohnhäusern der russischen Armee vorbei, die bis Anfang der neunziger Jahre hier stationiert war. Nicht zuletzt das Verschwinden der Russen hinterließ ein Dorf in Agonie, mit Bewohnern, von denen Heise vor allem jene vor die Kamera holt, die seinem Weltempfinden am deutlichsten entsprechen. Der Gastwirt, in dessen Kneipe man sich oft an den Krieg erinnert. Ein Trinker, der auf dem Bocken hockt und unartikulierte Laute von sich gibt - was als Indiz dafür gelten mag, dass mit dem Verlust des »Vaters« immer auch ein Verlust der Sprache einhergeht. Zu sehen ist ein von seiner Frau verlassener Mann mit drei Söhnen, denen er am Heiligen Abend hilflos Geschenke überreicht. Ein Pärchen tritt auf Weihnachtsmärkten mit Engelsflügeln und »Heidschi Bumbeidschi« auf, jenem Lied, das schon zu Nazizeiten zu Tränen rührte. Eine androgyn wirkende Punkerin fasst ihr Dasein in dem Satz zusammen: »Ich bin froh, dass ich hier bin, ich muss doch nicht glücklich sein.« Eine Erkenntnis, die als Leitmotiv über »Vaterland« stehen könnte. Um das Grundgefühl einer Endzeit für den Zuschauer zu verdeutlichen, hätte es nicht unbedingt des Off-Kommentars aus einer populärwissenschaftlichen Fernsehsendung bedurft, den Heise zwei Mal über seine Bilder legt. Dort ist von Bewegungen eines »kalten, einsamen« Universums die Rede, »das sich mehr und mehr beschleunigt«, wobei die Galaxien heftig auseinander driften und »dunkle Materie« hinterlassen. Natürlich haben auch diese Sentenzen eine symbolische Bedeutung, unterstreichen die von Heise empfundene Wurzellosigkeit des Individuums in Zeit und Raum. Dabei ist der Ort Straguth mit seiner militärisch genutzten Landschaft, in der die Armee des Kaisers und die Reichswehr ebenso stationiert waren wie später die Wehrmacht und die Rote Armee, für den Regisseur prototypisch. Er benötigte genau eine solche Schnittstelle von Vergangenheit und Gegenwart, um darzustellen, wohin die Ideale, Utopien, Illusionen und Verbrechen des 20. Jahrhunderts führten. Mag sein, dass »Vaterland« auch ein Film über die Mitschuld der Väter geworden ist - auf jeden Fall aber gelang ein Traktat darüber, dass Vater- und Ziellosigkeit, das Aufgeben der Suche nach einem Sinn, das Individuum in einen Zustand tiefster Verlorenheit katapultiert. Nichts wird verbal erklärt und gedeutet, und auch ein moralisierender Ton ist nirgendwo zu hören. »Vaterland« verweigert sich jeder bequemen Rezeption. Man verlässt de...

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