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  • Politik
  • Elie Wiesel, Überlebender von Auschwitz

Gott am Galgen

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Beim Lesen lag mir ein Felsbrocken auf der Brust. Ich wußte es ja, von Kindheit an, was in Auschwitz und Buchenwald geschehen war Doch jetzt schien es mir, als ob ich es mir bisher nicht habe vorstellen können...

Dieser Roman, der erstmals 1958 in Paris erschien, ist schon damals um die Welt gegangen, als sein Autor noch nicht wußte, daß er einmal den Friedensnobelpreis erhalten würde. Jetzt kam er in einer Taschenbuchausgabe heraus. Daß es wieder und wieder verlegt und gelesen wird, kann man dem Buch nur wünschen. Elie Wiesel erzählt seine eigene Geschichte: wie er in dem Siebenbürgener Städtchen Sighet groß wurde, wie er sich für die Kabbala zu interessieren begann, wie er an den nahenden Schrecken nicht glaubte, auch als die Deutschen schon in Budapest waren. »Dann kam das Ghetto.« Als sie das Wort »Deportation« hörten, wußten die Juden von Sighet immer noch nicht, was ihnen bevorstand.

»Die Nacht« in seinem jungen Leben brach ganz plötzlich herein, als er kurz nach der Ankunft des Zuges in Auschwitz diesen brennenden Graben sah, den Lastwagen, der dahinein seine Ladung ausschüttete: kleine Kinder. »Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten. Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat.« - Ein Aufschrei, der

sogleich wieder zurückgeholt wird durch die eigene Kehle, zurück ins eigene Herz, wo die ganze Last dessen verschlossen ist, was nicht vermittelt werden kann.

Schlicht, beinahe lapidar ist der Bericht. Mutter und Schwester wurden »ausgesondert« in den Tod, der Junge blieb beim Vater und erlitt mit ihm dessen langsames Sterben. Schwere Arbeit, Hunger, Schläge, Kälte, Hinrichtungen, Angst vor den Selektionen, der Todesmarsch nach Gleiwitz, die Schreckensfahrt nach Buchenwald. Als er frei kommt ist er 16 und sieht aus wie ein Leichnam. Seine Familie ist tot.

Mit dem englischen Wort »Holocaust« haben wir es uns ziemlich leicht gemacht. Wir müssen nicht sagen, daß Deutsche, die Juden zu ermorden trachteten durch Verbrennen, Vergasen, Verhungern, Erschlagen. Ein hochzivilisiertes Volk brach mit allen Werten der Zivilisation - das ist das Unvorstellbare, das letztlich jedem Menschen jegliche Zukunftsgewißheit nimmt. Denn was möglich war, bleibt möglich, auch wenn das Nie-Wieder beschworen wird.

Eine von vielen unvergeßlichen Szenen im Buch: Einem Knaben wird die Schlinge um den Hals gelegt - ein Exempel, weil er mit einem Widerstandskämpfe!“ befreundet war und nichts verriet. Die Häftlinge müssen zuschauen, wie der leichte Körper noch eine halbe Stunde lang zuckt im Todeskampf. »Wo ist Gott?«, hört Elie einen anderen Juden leise fragen. »Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: >Wo er ist? Dort - dort hängt er, am Galgen..^«

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