Bachs Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel

Das thüringische Wechmar hat einen Nachfahren des Musikgenies zurück

Elmar von Kolson ist Nachfahre von Johann Sebastian Bach - in elfter Generation. Bei einem Besuch im thüringischen Wechmar, wo die Wurzeln der Musikerdynastie liegen, verliebte er sich in die intakte Dorfgemeinschaft und siedelte von Niedersachsen hierher um. Weihnachten war Einzug an doppelt historischer Stätte
Heilig Abend ging es am Kirchplatz 4 in Wechmar recht hektisch zu. Möbel mussten gerückt, Gardinen aufgehängt, Lampen angeschraubt werden. Dann hieß es für Renate und Elmar von Kolson, sich frisch zu machen, in Schale zu werfen und hinüber zu eilen zur Kirche St. Viti. Denn hier setzt der Chor des Heimatvereins beim Weihnachtssingen auch auf ihre erprobte Stimmkraft. Anschließend haben sich beide wohl nur noch in ihre Sofaecke verzogen, eine Flasche Wein geöffnet und das Weihnachtsoratorium aufgelegt.
»Was Urururgroßvater doch so alles für schöne Sachen komponiert hat«, könnte Elmar von Kolson sagen. Freilich macht er das nicht. So sehr er das Werk liebt - dafür kennt er es einfach zu lange. Und als Kirchenchorknabe sei ihm dessen Aufführung sowieso eher wie eine nicht enden wollende Pflichtübung vorgekommen, schmunzelt der 64-jährige. »Aber da war mir auch noch nicht unsere verwandtschaftliche Nähe bewusst «, fügt er hinzu - und lässt offen, ob ihm die Darbietung dann weniger ermüdend vorgekommen sei.
Um die 12 oder 13 war er gewesen, als sein wesentlich älterer Vetter Johann Stephan die Sensation ausgegraben hatte: die Kolsons stammen in direkter Blutlinie von einem großen Musikgenie namens Johann Sebastian Bach ab. Dass das Colson bei Cousin Johann hierbei mit C statt wie bei ihnen mit K geschrieben wurde, sei wohl auf einen schlesischen Standesbeamten zurückzuführen, mutmaßt er bis heute. Denn ins Schlesische hatte es im späten 18. Jahrhundert die Familie des Ingenieurs und Lehrers Johann Christoph Friedrich von Colson verschlagen, nachdem er zuvor die hübsche Anna Philippina Carolina Bach geehelicht hatte. Sie war eine Tochter von Johann Christoph Friedrich, dem 1732 in Leipzig geborenen ältesten Sohn Johann Sebastians aus zweiter Ehe. »Er ging als Bückeburger Bach in die Annalen ein. Schon 18-jährig wurde er Hochgräflicher Schaumburg-Lippischer Cammer-Musicus«, erläutert sein Nachfahre.

Sofort heimisch gefühlt
Man merkt Elmar von Kolson eine gewisse Beklemmtheit an, wenn er darüber spricht, warum die Bachs über so viele Generationen so musikalisch gewesen waren: »Der Vater gab stets an den Sohn seine Musizierlust weiter.« Er hingegen sei ein Kriegskind gewesen. So könne er »lediglich ein wenig klampfen und auf der Mundharmonika blasen«, liefert er kokettierend die Begründung, warum er sich aus der Art geschlagen sieht. Freilich stehen in der Ecke noch zwei Gitarren. Und auf Nachfrage verrät er auch einen Wunsch, den sich der Liebhaber irischer Folklore noch erfüllen will, wenn im Haus wieder Ruhe eingezogen ist: Ein wenig lernen, auf der Tin Whistle zu spielen, jener sechslöchrigen Langflöte von der grünen Insel, die man ähnlich einem Dudelsack bläst.
Elmar von Kolson ist Lehrer geworden. Er verfolgte so jenen zweiten Strang, den die Bach-Dynastie spätestens seit Johann Sebastians Jahren als Leipziger Thomaskantor stets parallel zur Musik betrieb. Er wuchs im Ruhrgebiet auf, unterrichtete lange an einer Sonderschule im niedersächsischen Celle Wirtschaft, Technik und Religion. Das Zuhause der Familie war Hambühren, eine kleine Schlafstadt, zu der ihm wenig einfällt: »Morgens raus, abends rein, dazwischen kaum etwas los.«
Wie beeindruckt muss ihn da das thüringische Wechmar haben, wohin ihn im Jahre 2000 ein nettes Schreiben lud. Mit »sehr viel Neugier« reiste er zu einem großen Spektakel, mit dem der agrarisch geprägte Ort bei Gotha des 250. Todestages von Johann Sebastian Bach gedachte. Und er habe sich »sofort heimisch, ja geradezu umarmt von den Leuten gefühlt«, erinnert er sich. »Meine Frau und ich suchten etwas Heimeliges für den Lebensabend. Und hier erlebten wir eine intakte Dorfgemeinschaft, wie wir sie uns kaum noch hatten vorstellen können«, schwärmt er bis heute. Das Gemeinschaftsgefühl sei »noch voll erhalten«, zugleich strahle der eine ungewöhnliche, mitreißende Dynamik aus. Eine Sicht, die kürzlich auch die Bundesjury im Wettbewerb um die schönsten Dörfer Deutschlands teilte: Sie vergab an Wechmar eine Goldmedaille.
Nach Wechmar geladen hatte man die Kolsons wie auch die Colsons übrigens, weil das Dorf nach und nach die epochale Rolle entdeckt hatte, die es einst beim Werden des größten deutschen Musikgenius spielte. Denn hier stand die Wiege Bachscher Musikalität. Der Ururgroßvater des Meisters der Fuge, Veit Bach, betrieb in Wechmar eine Bäckerei und mahlte sein Korn in der hiesigen Obermühle. Selbst Johann Sebastian Bach legte den Ursprung der Musikalität seiner Familie später in jene Wechmarer Mühle. So findet sich bei ihm ein Vermerk über Veit Bach: »Er hat sein meistes Vergnügen an einem Cythringen (eine Art Zither, d.A.) gehabt, welches er auch mit in die Mühle genommen und unter währendem Mahlen darauf gespielet. Es muß doch hübsch zusammen geklungen haben, wiewohl er doch dabei den Tact sich hat imprimieren lernen und dieses ist gleichsam der Anfang zur Music bei seinen Nachkommen gewesen«
Irgendwie sei ihm schon damals klar gewesen, dass man hier leben möchte, erzählt der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel Johann Sebastian Bachs. Noch war er aber in Anstellung. Als sich aber die Chance auf Vorruhestand ergab, fiel Renate und Elmar von Kolson der Wechsel nicht schwer. Sie erwarben einen Teil der alten Wechmarer Schule, in dem übrigens auch über 50 Jahre ein Bach wirkte: der Lehrer und Kantor Ernst Christian Bach. 1822 war er als letzter Vertreter des Bachgeschlechts in Wechmar verstorben. Mit von Kolson schließt sich nun gewissermaßen der Kreis.

Der dicke Obermüller
Allerdings hatte sich das Paar die denkmalgerechte Rekonstruktion des Fachwerkbaus erquicklicher vorgestellt. »Der Teufel steckt im Detail«, flucht der Hausherr und hat seine Mühe, sich nicht allzu sehr über unbeweglich-intolerante Denkmalbehörden zu ergehen. Offenbar sehen diese lieber ein Baudenkmal zu Grunde gehen, als einem Investor, der nicht gerade Millionär ist, mit weniger kostentreibenden Forderungen ein Stück entgegen zu kommen. Das hätte er sich so nicht vorgestellt, gesteht er. Ein komplett neues Haus wäre sie weit billiger gekommen.
Längst gehören die Kolsons indes fest zur Dorfgemeinschaft, und das entschädigt für manchen Behördenärger. Als im September rund 120 Einwohner ein von Bürgermeister Knut Kreusch selbst geschriebenes Stück über die Bachs in der Kirche aufführten, schlüpften auch sie in historische Kostüme: er gab den dicken Obermüller Eißner, sie ein Beerenweib. Seine Rolle findet von Kolson schon deshalb zutreffend, weil er in der unlängst sehenswert umgebauten Obermühle noch immer ein wenig Lehrer sein kann. Denn das heutige Museum nennt sich Veit-Bach-Mühle und beherbergt eine intakte Mühleneinrichtung sowie ein kleines Museumsbildungswerk. Hier erläutert er jungen Leuten den Weg »Vom Korn zum Brot« oder bäckt mit ihnen in einem alten Backofen. Später möchte er mit interessierten Jugendlichen auch jenes Cythringen nachbauen.
»In der Mühle entdeckten Handwerker vor vier Jahren eine Bohlenstube von 1585, womit die älteste Wirkungsstätte der Musikerfamilie Bach gefunden ist«, freut sich von Kolson. Über einem Treppenabsatz hängt zudem hinter Glas die Partitur des Bachschen Orgelstücks »An den Strömen Babels« (Psalm 137). Wem dabei ein Hit von Boney M. in den Sinn kommt, der liegt absolut nicht falsch. »Die Musik zu "By the rivers of Babylon" stammt auch von Johann Sebastian«, erzählt von Kolson nicht ohne Stolz. Mithin elektrisiere ihn alles, was mit seinem berühmten Vorfahr in Verbindung stehe. Auch durch das Wechmarer »Bachstammhaus«, als das das frühere Oberbackhaus nun dient, führt er gern einmal Gäste, etwa durch eine authentische Geigenbauwerkstatt, eine historische Backstube und ein detailgetreues Klassenzimmer jener Zeit. »Es ist die älteste originale Wohn- und Wirkungsstätte der Familie Bach weltweit«, betont er.
Danach befragt, ob er ein Lieblingsstück Bachs habe, nennt er nach kurzem Überlegen das einschmeichelnde Air aus der Orchestersuite Nr. 3, D-Dur (BWV 1068) für Violine und Klavier. »Das tut richtig gut nach einem hektischen Leben an einer Brennpunktschule und nun noch dem Stress mit dem Umbau«, gesteht er. Aber eigentlich habe sein Urahn Musik für jede Jahreszeit und Gelegenheit geschrieben. Übrigens denkt er auch im neuen Heim sehr konkret an die Pflege des musikalischen Familienerbes. Im parterre gelegenen Wohnraum wird ein Flügel stehen, an dem begabte Kinder bei guten Musiklehrern üben können. Wechmar hat halt seine Bachs zurück.

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