»So wendet alles sich am End in Glück«

Mit der »Dreigroschenoper« eröffnete das Hans Otto Theater Potsdam die letzte Spielzeit in der »Blechbüchse«

Im Jahr 1928 hat Bert Brecht in nur drei Wochen an der Côte dAzure mit seiner Dramaturgin (und Geliebten) Elisabeth Hauptmann und mit Kurt Weill die »Dreigroschenoper« geschrieben, frei nach John Gays »Beggars Opera« von 1728. Nach der spektakulären Uraufführung am 31. August 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm waren die Kritiker gespalten. Die kommunistische »Rote Fahne« fand, dass die vom jungen Brecht beabsichtgte Generalkritik am Kapitalismus nicht geglückt sei, denn »dem Publikum ist sehr wohl dabei«. Die »Neue Preußische Zeitung« sprach von »literarischer Leichenschändung«, und Kurt Tucholsky sah wenig Sinn darin, wenn das Publikum Brecht zujubelt, »denn dadurch werden die Arbeitslosen auch nicht weniger«. Großkritiker Alfred Kerr beklagte, dass Brecht bei Villon geklaut habe - und so spaltet die »Dreigroschenoper« seit Anbeginn die Kritiker. Und eint das Publikum. Rangiert sie doch auf dem zweiten Platz der Hitparade der meistgespielten Musiktheaterstücke in Deutschland, gleich nach dem »Weissen Rössl«. Potsdam, im Oktober 2005. Die City hat sich herausgeputzt zum 15. Jahrestag der Wiederherstellung der staatlichen deutschen Einheit, oder wie eine ZDF-Nachrichtendame in dieser Woche sagte, zum »Beitreten der ostdeutschen Länder zum Geltungsbereich des Grundgesetzes«. Die Krönungsfeierlichkeiten des damaligen London sind die heutigen Einheitsfeiern. Die Arbeitslosenzahlen von 1928 sind - zumindest im Osten - 2005 nicht niedriger. Und die Abzocker heißen nicht mehr Peachum und Maceath, sondern Ackermann und Landowski (»Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?«). Soho liegt an der Havel. Die Geschichte wird in einem Provisorium inszeniert, welches im nächsten Jahr ausgedient haben soll. Eine Riesenbühne, völlig leer. Tabula rasa. Zwei Kinder (Marvin Kotzyba und Kimberly Colditz) rennen nach vorn und singen schon mal den Mackie-Messer-Song an. Ein silberner Container bewegt sich auf die Zuschauer zu und entläßt das Ensemble aus seinem Bauch. Der Container hängt fürderhin in der Luft, auf dass die jeweiligen Szenenkurzinhalte drauf projeziert werden können. Schöne Verschwendung im Kargen. Nur zum Schluss nimmt er das Ensemble wieder in sich auf. Dafür ist sein großer Bruder, ein doppelt so langer Silberbehälter die wandlungsfähigste Bühne (Kaspar Glarner), die man sich denken kann. Pferdestall für die Gaunerhochzeit, Freudenhaus, Liebeslager, Gefängnis, Podest für den Galgen von Macheath. Die »3Groschen Compagney« (Leitung: Wolfgang Katschner) sitzt in einem Bühnenloch - und spielt erfreulich auf und mit. Die Lieder werden mal als Papptafel angezeigt, sind mal auf dem T-Shirt des Dirigenten zu lesen, und so weiß der Zuschauer immer ganz genau, welchen der berühmten Songs er grade hört. Es ist eine wahre Freude, für die singenden Schauspieler und noch mehr für die Zuschauer, die allerdings nur zaghaft applaudieren. Jennifer Antoni, dieses schnippische junge Ausnahmetalent, piepst mehr, als dass sie singt, aber es ist eine Freude, ihr beim Spielen zuzusehen. Es ist ja schließlich nicht nur eine Parabel auf den Kapitalismus, die Brecht da aufgeschrieben hat, sondern auch eine handfeste Liebesgeschichte. Also muss doch »das Gefühl auf seine Rechnung kommen. Der Mensch wird ja sonst zum Berufstier«. Das ist ganz schön schwer auf so einer riesigen leeren Bühne. Doch es gelingt dem jungen Regisseur Tobias Sosinka erstaunlich gut. Hat er doch, besonders bei den Frauen, Charaktere, die voll aus sich herausgehen. Hervorragend, spielerisch und gesanglich. Rita Feldmeier als Mrs. Peachum - wie sie über die »sexuelle Hörigkeit« singt. Lucy Brown (Stefanie Wüst), rothaariges Biest, das Macheath ebenso liebt, wie Polly (»Eifersuchtsduett«). Anne Lebinsky ist als Spelunkenjenny der eigentliche Star in dieser Geschichte um Hurenliebe und Freundesverrat. Trauerweidenwalter, Hakenfingerjakob, Münzmatthias und Sägerobert (Peter Pauli, Johannes Suhm, Moritz Führmann und Harald Arnold) hinterließen einen ordentlichen Gesamteindruck. Und was ist mit Macheath, dem Chef dieser Platte von Straßenbanditen? Dieser Paraderolle, die schon Hans Albers (im Film) und Wolf Kaiser (im Berliner Ensemble nach Brechts Tod) zelebriert hatten. Dieter Mann spielte ihn so, wie ein guter Regisseur ihn in der Probe vormachen würde. Angedeutet, zu selten ausgelebt. Understatement und Outfit eines Egon Olsen. In diesen Mann muss man sich nicht zwangsläufig verlieben. Die Inszenierung aber kann man mögen. Schon wegen der Songs. So wendet alles sich am End in Glück.« Viel Applaus. Nur ein Buh gegen Dieter Mann. Nächste Vorstellungen: 8. und 12. Oktober, 19.30 Uhr.

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