Kahlschlag und Leuchtturm

Rumänisches Theaterfestival trotz Budgetkürzung im HAU

Das rumänische Kulturinstitut initiierte zuerst einen rumänischen Kulturherbst in Berlin, dann wurden in Bukarest die Mittel gestrichen. Schließlich sprang das HAU ein und rettete das Theaterfestival »Many Years After...«. Darin blickt eine jüngere Generation von Theatermachern aus Rumänien und dem rumänisch-sprachigen Moldau mit avancierteren künstlerischen Mitteln auf das, was vom Sozialismus übrig blieb und was noch prägenden Einfluss ausübt.

Eine der bekanntesten Künstlerinnen dieser Transformationsphase ist Nicoleta Esinencu. In einem lesenswerten Essay beschrieb die aus dem moldauischen Chisinau stammende Dramatikerin und Regisseurin, wie die Aufschrift »Lenin lebt! Lenin wird leben!« über dem Portal ihrer Schule vor einigen Jahren durch »Willkommen Europa« ersetzt wurde. Die Lehrer indes, die unter dem Portal durchlaufen, seien noch dieselben wie zu ihrer Zeit als Schülerin. Die Ansichten und Überzeugungen seien gleich geblieben, konstatierte Esinencu. Nur die ursprüngliche kommunistische Oberfläche sei in eine antikommunistische transformiert.

Europa kommt in Moldau nur in Form meist unerschwinglicher Konsumgüter vor sowie den 3000 Euro, die man für ein - möglicherweise gefälschtes - Visum hinlegen muss, notierte sie. Aus diesen Beobachtungen kreierte sie vor einigen Jahren das provokante Stück »Fuck You, EU.ro.Pa!«. Es war u.a. bei der Biennale Venedig im Programm und sorgte für kolossale kontinentale Aufregung - bis hin zu einem zwischenzeitlichen Aufführungsverbot. In ihrer aktuellen Produktion »Clear History« (13. & 14.12.) erinnert sie an den vorletzten Anschluss des damaligen Transnistriens an Europa: Unter dem mit Hitler verbündeten Marschall Antunescu beteiligte sich das Land aktiv an der Ermordung von mehr als einer Viertelmillion rumänischer und ukrainischer Juden sowie 20 000 Sinti und Roma.

Etwas näher an unseren Tagen operieren Mihaela Michailov und David Schwartz. Ihr Dokumentartheaterstück »Erhitzte Gemüter« (15. & 16.12.) widmet sich dem merkwürdigen Bergarbeiteraufstand vor 22 Jahren. Der damalige Präsident Iliescu hatte die in Nach-Ceaucescu-Zeiten politisch etwas desorientierten Kumpel gegen protestierende Studenten aufgehetzt.

Die Scheinwerfer auf die realsozialistische Periode richtet Gianina Carbunariu in »X mm von Y km« (13. & 14.12.). Sie bearbeitet Securitate-Akten über den Schriftsteller Dorin Tudoran. Die benutzten Dokumente, deren Rücken nur wenige Millimeter in der kilometerlangen Überwachungsdokumentation Tudorans ausmachen - daher der rätselhafte Titel -, sind für Carbunariu vor allem Belege für die Entsolidarisierung unter den rumänischen Intellektuellen der damaligen Zeit. Unter dem Druck der Überwachung dachte jeder offenbar zuallererst daran, selbst mit dem Rücken an die Wand zu kommen. Diese Lesart unterscheidet sich von der in Ostberlin verbreiteten, in der Kooperation mit der Staatssicherheit im Nachtrab gern mit den »Zwängen des Systems« relativiert wurde. Carbunariu und ihr Team gehen da offensichtlich härter und konsequenter vor und bagatellisieren Anpassung nicht so leicht.

Ganz an aktuelle Diskurse knüpft die Choreographin und Performancekünstlerin Alexandra Pirici an. In Bukarest u.a. mit einem Denkmal-Reenactment aufgefallen bietet sie Wohnen im Obdachlosenmodus als Training für weitere Prekarisierung an (14.-16.12.).

Bei den vom HAU eingeladenen Künstlern fällt auf, dass die meisten von ihnen seit längerer Zeit immer wieder zu Auftritten in Westeuropa eingeladen waren, sie aber trotz internationaler Erfolge ihre heimatliche Basisstation weiter in Betrieb halten. Das ist eine sehr souveräne Haltung, die sich absetzt von der willigen Eingemeindung in eine globalisierte Kunst- und Performanceszene. Gut, dass das HAU trotz Wegfall der Mittel aus Rumänien gerade solche Positionen präsentiert.

»Many Years After...«, Rumänisches Festival, HAU, 13.-16.12.

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