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Gewagte Thesen

Kontroverse um Deutschlandpolitik der UdSSR

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.
In dieser Woche wurde in Berlin der vierte Band in der Serie »Die UdSSR und die deutsche Frage 1941-1948« vorgestellt, ein Dokumentenband, der die Zeit der Berlinkrise zum Inhalt hat. Der Termin in der russischen Botschaft machte klar: Die Rolle der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg ist und bleibt ein Gegenstand unterschiedlicher Interpretation.

Nein, ein Eklat war es wohl noch nicht, was sich dieser Tage in der Botschaft Russlands in Berlin abgespielt hatte. Aber wenn Professor Martin Sabrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam von unterschiedlichen Akzenten sprach, dann war das milde formuliert. Dabei stand rein äußerlich zunächst eine großartige Gemeinsamkeit im Mittelpunkt des Abends. Der vierte Band in der Serie »Die UdSSR und die deutsche Frage 1941-1948« sollte vorgestellt werden, ein Dokumentenband, der die Zeit der Berlinkrise zum Inhalt hat.

Streitpunkt Berlin-Blockade

Diese Dokumente wurden von deutschen und russischen Wissenschaftlern gesichtet und ausgewählt. Hier aber endeten die Gemeinsamkeiten. Die Rolle der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg ist und bleibt ein Gegenstand unterschiedlicher Interpretation. Mit der gewagten These, die sowjetische Staatsführung habe vom Mai 1945 an die Spaltung Deutschlands aktiv betrieben und nichts anderes, trat Autor Jochen P. Laufer ins abendliche Geschehen und den Russen mächtig auf den Fuß.

Für das Publikum war ersichtlich, dass er nicht bereit war, sich diplomatisch zu verhalten, sondern er schnitt den Gastgebern, die das anders sehen, ganz unverblümt jeden Weg ab: Bei dieser Aussage handle es sich nicht um eine Interpretation, das sei »objektiv« und »in den Quellen erkennbar«. Und Laufer zog weiter vom Leder: Die Fälschung von historischen Aussagen wie sie in sowjetischen Tagen im Sinne der Tagespolitik vorgenommen worden sei, werde auch heute in der russischen Öffentlichkeit nicht thematisiert.

Auf russischer Seite bleib der Historiker Alexej M. Filitow dem deutschen Autor an diesem Abend nichts schuldig. War beispielsweise die Berlinblockade eine sowjetische Aggression oder war sie die Abwehr einer Aggression? »Ich halte letzteres für richtig«, sagte Filitow.

Tatsächlich berührte das Oberlehrerhafte des deutschen Wissenschaftlers unangenehm. Mit seinem herausfordernden Gestus und einer geistigen Verhärtung, die er aber seinen Kontrahenten vorwarf, war er schlecht beraten. Die Eindeutigkeit, die er für seinen Standpunkt reklamierte, ist eines Wissenschaftlers nicht würdig. Denn viele Ereignisse, die im geschichtlichen Rückblick einen bestimmten Sinn bekommen, hatte diesen Sinn gar nicht, als sie stattfanden. Ist die Tatsache, dass nach der separaten Währungsreform im Westen rasch auch Ostgeld da war, mit Spaltungsabsichten der Russen zu erklären? Oder haben sie sich damit nur auf einen Fall vorbereitet, den sie selbst nicht betrieben und gewünscht hatten, auf den sie aber vorbereitet sein mussten?

Laufer lobte die »unendliche Vielfalt«, mit der man im heutigen Russland Perspektiven auf die Geschichte einnehmen könne, warf aber den staatlichen Stellen Gängelung vor, und bestimmten Archiven, dass sie verschlossen seien. Damit mag er recht haben, aber ein Hinweis wäre am Platze gewesen, dass es sich in Großbritannien und in den USA in bestimmten Fragen ähnlich verhält. Auch in Deutschland sind längst nicht alle Akten zugänglich. Wenn Laufer den Russen vorhielt, dass es bei ihnen neben seriösen auch unseriöse Publikationen zur Geschichte gebe, dann klang das bei ihm so, als würde sich das auf Russland beschränken und nicht beispielsweise in Deutschland auch vorkommen.

Frostige Reaktionen

Laufers Bemerkungen wurden frostig aufgenommen. Immerhin, da kam er den Russen dann wieder entgegen, hatte Laufer auch der westlichen Sicht etwas am Zeug zu flicken. Dass die Verhängung der Berlinblockade mit dem Angebot der Russen und der ostdeutschen Behörden an die Einwohner Westberlins verbunden war, sich in Brandenburg oder Ostberlin mit Lebensmitteln und Kohlen zu versorgen, was auch stattfand, betonte er. Das sei danach im Westen niemals thematisiert worden.

Trotz dieser Gegensätze wolle man gemeinsam weitermachen und Dokumente für die Zeit bis 1955 sammeln, versicherten sich gegenseitig abschließende beide Seiten. Das Auffinden neuer Dokumente werde die Unterschiedlichkeit der Standpunkte wohl nicht beenden, mutmaßte Professor Sabrow.

Jochen P. Laufer und Georgij Kynin (Hrsg.): »Die UdSSR und die deutsche Frage 1941-1948, Dokumente aus russischen Archiven«, Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2012, 736 Seiten, 240 Euro

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