Modische Pampe

In Mecklenburg-Vorpommern werden wieder Lehmziegel hergestellt

  • Von Grit Büttner, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein alter Baustoff kommt in Mode. Luftgetrocknete Lehmsteine werden wieder per Hand in der historischen Ziegelei Benzin hergestellt. Die Museumsmanufaktur lockt auch Touristen in die Mecklenburger Provinz.

Benzin. Mit Schwung klatscht Bernhard Schmidt Hände voll hellbrauner Modderpampe in eine Kastenform. Glatt streichen, umkippen, abwarten. Vier bis sechs Wochen dauert das Trocknen der Handstrich-Steine in einem luftigen Lager, wie Lehmbauer Dietmar Kelm in der Ziegelei Benzin bei Lübz (Kreis Ludwigslust-Parchim) erklärt. Frost, Sonne, Wind müssten ferngehalten werden, sonst reißen die ungebrannten Bio-Bausteine, sagt er. Die über hundert Jahre alte Ziegelei gehöre zu den letzten ihrer Branche in Mecklenburg-Vorpommern. Vor einem Jahr an einen Investor verkauft, soll das historische Gemäuer als Museumsmanufaktur wiederbelebt werden.

»Lehm kommt in Mode«, sagt Ziegeleibesitzer Ernst Englaender. Der Kaufmann suchte für seine deutsch-russische Familie einen neuen Lebens- und Arbeitsort und fand ihn in der mecklenburgischen Einöde, wie er sagt. Das Baumaterial entspreche dem Zeitgeist. Viele seiner Kunden hätten mit Allergien zu kämpfen. Mediziner rieten dann oft zum Werkstoff Lehm, der für ein natürliches Raumklima sorge, meint Englaender. Lehm- und Backsteingebäude hätten in Mecklenburg eine lange Tradition. Viele Handwerker würden sich auf den uralten Baustoff besinnen, der schon an der chinesischen Mauer oder den ägyptischen Pyramiden Verwendung fand.

Lehmbau ist in Deutschland seit den 1980er Jahren als ökologische Alternative im Kommen, wie der Dachverband Lehm in Weimar mitteilt. Der Naturbaustoff sei örtlich verfügbar und beliebig wiederverwertbar, so schone er Ressourcen. Lehm reguliere die Feuchtigkeit, gleiche Temperaturschwankungen aus und binde Schadstoffe, hieß es. Im Europa des 20. Jahrhunderts wurde Lehm vor allem als Mangelbaustoff nach den Kriegen verwendet. Deutschland hat laut Verband etwa noch zwei Millionen Lehmhäuser.

In der denkmalgeschützten Ziegelei Benzin wurden von 1907 bis 1990 die typischen roten Backsteine gebrannt, die bis heute an alten Kirchen, Hanse- und Bürgerhäusern auffallen. Von 1995 an sanierte eine Beschäftigungsgesellschaft das technische Denkmal und damit die letzte produzierende Ziegelei von einst über tausend Betrieben im Nordosten Deutschlands. 2011 ging die Gesellschaft in Insolvenz, 2012 kaufte Englaender die Ziegelei.

Mit Beginn der warmen Jahreszeit werde die Produktion in Benzin auf Hochtouren laufen, verspricht Dietmar Kelm. Mindestens 30 000 Stück luftgetrocknete Lehmsteine, auch versetzt mit geschredderten Hanfstielen zur besseren Dämmung, sollen dieses Jahr ausschließlich für nicht tragende Innenwände im Handstrich-Verfahren und größtenteils aus dem Rohstoff der eigenen Lehmgrube hergestellt werden. Für 400 Steine, die für etwa vier Quadratmeter Lehmwand reichten, brauche ein Arbeiter rund acht Stunden.

Hinzu kämen einige hundert Tonnen Lehmputze, die in alten Bauernhäusern und in der Denkmalpflege gefragt seien, erklärt Kelm. Pur oder mit Kreidefarben gestrichen könnten solche individuellen Wandverkleidungen Feuchtigkeit und Gerüche schlucken sowie Wärme im Gebäude speichern, erklärt der Baufachmann. »Lehm lebt, das ist sein Geheimnis für gesundes Wohlfühlklima«, verrät der Manufakturleiter.

Der begehbare Hoffmannsche Ringofen, in dem noch bis 1990 rund eine Million Ziegel pro Jahr gebrannt wurden, wird aber weiterhin kalt bleiben. Nur zu Schauzwecken wolle er eine der 16 Brennkammern vielleicht einmal befeuern, sagt Englaender. Besucher der Ziegelei sollen vor allem selbst Hand anlegen im technischen Denkmal. Neben der Lehmstein-Manufaktur stehe ihnen von diesem Jahr an auch eine Töpferei, Tischlerei, Schmiede, Schneiderei und ein Malatelier für eigene kunsthandwerkliche Versuche zur Verfügung.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal