»Mittelstand muss aufwachen«

Migrantische Unternehmer organisieren sich in Berlin zum ersten Mal

  • Von Marlene Göring
  • Lesedauer: 3 Min.
Erfolgreiche Unternehmer: Die Geschäftsführer des Möbelhauses El-Salam in Berlin-Neukölln
Erfolgreiche Unternehmer: Die Geschäftsführer des Möbelhauses El-Salam in Berlin-Neukölln

Sie haben braune, schwarze, blonde Haare, heißen Cruz, Bakir und Sorgec - und sie alle sind Deutsche. Am Dienstag hat sich in Berlin der Verband der Migrantenwirtschaft, Ethnische Unternehmer und Ausländische Arbeitgeber e.V. (VMW) gegründet. Seine Mitglieder haben ihre Wurzeln überall in der Welt. Aber viele sind in Deutschland geboren, hier leben und arbeiten sie.

Der VMW ist der erste wirtschaftliche Interessenverband, der Nationen übergreifend alle Migranten in der Bundesrepublik vertreten will. »Die Integrationsdebatte ist bisher auf die sozial- und innenpolitische Perspektive beschränkt«, sagt der frisch gewählte Vorsitzende Joel Cruz. Man wolle ein realeres, ökonomisch orientiertes Bild zeichnen. Das eines »freien Unternehmertums, das Mitverantwortung für die Gesellschaft übernehmen möchte«.

Kulturelle Vielfalt schafft Arbeitsplätze - das Motto des Vereins scheint gleichzeitig Rechtfertigung vor und Botschaft an die Politik zu sein. 194 verschiedene Nationen sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt vertreten. Über 600 000 Ausländer sind als selbstständige Unternehmer registriert. Wahrscheinlicher sei sogar eine viel größere Zahl, weil dabei nur die erfasst sind, die keinen deutschen Pass haben, erklärt Cruz. Rechne man mit vier bis fünf Angestellten pro Unternehmer, käme eine unglaublich hohe Summe zustande, mit der sie die deutsche Wirtschaft unterstützten. 40 Milliarden Euro erwirtschaften beispielsweise türkischstämmige Unternehmer, 3,5 Milliarden davon allein mit Döner, weiß Suat Bakir, VMW-Beirat und Geschäftsführer der türkisch-deutschen Industrie- und Handelskammer.

Ferry Pausch, Geschäftsführer der Deutschlandstiftung Integration und ebenfalls VMW-Gründungsmitglied, weist darüber hinaus auf das hohe Potenzial ethnischer Betriebe bei Kreativität, Sprach- und Sozialkompetenz hin: »Darin sind sie deutsch-deutschen Unternehmern weit überlegen«, meint er.

Der VWM verweist aber nicht nur auf die Sonnenseiten der ethnischen Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit ist unter Migranten doppelt so hoch wie bei deutschen Mitbürgern. Zwar hat ein ganzes Drittel aller Existenzgründer einen Migrationshintergrund - das käme aber auch daher, dass diese Menschen sonst auf dem Arbeitsmarkt weniger akzeptiert seien, meint Nihat Sorgeç, stellvertretender Vorsitzender des VMW. Nur die Hälfte der Gründer nutze die staatlichen Förderangebote, ergänzt Cruz. Viele hätten Probleme mit dem geforderten Business-Plan, die Behörden stellten eine Hürde dar. Essenzielle Formulare seien nur einsprachig vorhanden, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse und Zeugnisse sei kompliziert und langwierig.

Immer noch hätten Migranten kaum Öffentlichkeit und würden von der Mehrheitsgesellschaft als Bedrohung wahrgenommen, meint Sorgeç. Er ist auch Geschäftsführer des BildungsWerks in Kreuzberg, Mitglied der IHK Berlin, war Teilnehmer der Islamkonferenz und des Integrationsgipfels. Er kennt die Situation in Berlin, wo ein großer Teil der erfassten 22 000 arbeitslosen Jugendlichen ausländische Wurzeln hat. Mit Sorge blickt er auf jüngste Kürzungen bei den Förderungen für diese Gruppe. »Die Bundesagentur für Arbeit und die Wirtschaft haben da eine Politik gemacht, deren fatale Folgen wir in wenigen Jahren merken werden.«

Sie seien davon ausgegangen, dass die Unternehmen durch Fachkräfte- und Nachwuchsmangel dazu gezwungen würden, stärker migrantische Auszubildende einzustellen. Die hätten aber oft keine interkulturelle Kompetenz und verzichteten lieber ganz auf Azubis. »42 Prozent der Jugendlichen haben Migrationshintergrund«, so Sorgeç. »Der deutsche Mittelstand muss aufwachen!«

Die Zukunft sieht er aber optimistisch: Irgendwann werde sich das Wort Migrant selbst eliminieren. »Woher kommst du? - Ich hasse diese Frage!«, ärgert sich Sorgeç. »Es wird dann normal sein, dass jemand Ali heißt und aus Deutschland kommt.«

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