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»Wir haben die Türkei, ihr habt die Troika«

Nordzyperns Türken fühlen sich durch die Krise im Süden endlich auf Augenhöhe mit ihren dortigen Landsleuten

  • Von Christiane Sternberg, Nikosia
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Krise der Republik Zypern beschäftigte in den vergangenen Wochen ganz Europa. Der seit 1974 von der Türkei besetzte Norden wurde dabei meistens nur nebenbei erwähnt - als Konkurrent im möglichen Streit um die Ausbeutung der Gasvorkommen vor der Küste der Insel. Beim Besuch im Norden offenbaren sich jedoch weitere Verstrickungen.

Morgens um halb sechs in Nikosia, wenn die Sonne über der öden Landschaft der Pufferzone erwacht, parken Dutzende Autos am Straßenrand vor dem türkisch-zyprischen Grenzposten. Schmutzige Pick-ups, verbeulte Kombis, alles schlichte Modelle. Männer in Arbeitskluft hieven sich aus den Sitzen, greifen zu ihren Wasserkanistern und marschieren zügig zum Kontrollposten. In Grüppchen stehen sie vor den Schaltern. Ihr Grenzübertritt ist so routiniert wie die Bedienung einer Stechuhr - sie reichen den Beamten den »Kimlik«, ihren türkisch-zyprischen Ausweis, und werden im Computer als »ausgereist« registriert. Auf der anderen Seite strömen sie zu Autos mit griechisch-zyprischen Nummernschildern, die schon auf sie warten, um sie zu ihren Arbeitsstellen in der Republik Zypern zu fahren. Am späten Nachmittag stempeln sich die Männer wieder in ihre Heimat ein.

Die türkisch-zyprischen Grenz-gänger sind weder Schwarzarbeiter noch Tagelöhner. Die meisten haben einen ordentlichen Vertrag mit der Baufirma, für die sie malochen. Es sind begehrte Jobs, gut bezahlt, sozial abgesichert. In den besten Zeiten vor sechs Jahren noch waren es 7000 Beschäftigte, die jeden Tag die »Grüne Linie«, die Grenze zwischen Nord und Süd, auf dem Weg zur Arbeit überquerten. Jetzt sind es nur noch 700 und man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass die meisten von ihnen bald ihre Arbeit verlieren werden. Denn die Republik Zypern steckt in der Schuldenklemme.

Um 10 Milliarden Euro aus dem EU-Rettungsfonds zu erhalten, verformt sich gerade das gesamte Wirtschaftssystem des Landes. Banken werden umstrukturiert, Gelder eingefroren, Firmen gehen bankrott oder ziehen sich aus Zypern zurück. Der Bausektor ist beinahe zum Stillstand gekommen. Aber auch aus einem anderen Grund werden die Arbeiter aus dem Norden den Umbruch zu spüren bekommen. Denn als eine der ersten Maßnahmen zur Rettung griechisch-zyprischer Arbeitsplätze schlug Präsident Nikos Anastasiades vor, in den Betrieben künftig mindestens 70 Prozent Einheimische zu beschäftigen. Entgegen der vorherrschenden Propaganda, man sei trotz der Teilung noch immer ein Volk, gehören Zyperntürken wahrscheinlich nicht in diese Kategorie.

Obwohl nur wenige türkische Zyprer direkt von den Einschnitten nach dem Willen der Eurogruppe betroffen sind, weiß man auf der anderen Seite der Barrikade ganz genau, wie sich eine solche Konstellation anfühlt. Denn in Nordzypern ist die Abhängigkeit von einem Geldgeber, der die Bedingungen diktiert, seit Jahrzehnten unliebsame Realität.

»Wir haben die Türkei, der Süden hat die Troika!« Aus den Worten von Günay Cerkez spricht keine Häme. Der Präsident der Handelskammer in Nordzypern vergleicht die Krise der Republik Zypern ganz sachlich mit der Situation im eigenen Landesteil. Schon vor zwei Jahren hat Ankara seinen finanziellen Beitrag zum aufgeblähten Budget der Zyperntürken gedrosselt. Zwar pumpt das Mutterland jährlich weiterhin umgerechnet eine halbe Milliarde Euro in die Türkische Republik Nordzypern, die lediglich von Ankara als unabhängiger Staat anerkannt ist, doch davon darf nur noch ein Viertel die fixen Haushaltskosten decken. Der Rest ist für Investitionen reserviert. Seither schrumpfen die Gehälter und Staatsbetriebe stehen auf der Privatisierungsliste. Das gleiche Rezept wurde jetzt den Zyperngriechen verschrieben. »Nun sind wir alle Geiseln«, kommentiert der türkisch-zyprische Journalist Sener Levent in der Zeitung »Afrika«. »Wer auch immer zu uns als Retter kommt, ist nicht unser Freund.«

In dieser ökonomisch-politischen Schicksalgemeinschaft sehen viele türkische Zyprer eine Chance zur Wiedervereinigung der geteilten Insel. Endlich begegnen sie dem bisher reichen Süden auf Augenhöhe.

Aber ein neuer Verhandlungstermin wurde noch nicht angesetzt, die Nord-Süd-Treffen sind auf unbestimmte Zeit verschoben. Nikos Anastasiades, der Präsident der Republik Zypern, ist mit dem Management der augenblicklichen Lage im eigenen Land vollauf beschäftigt. Aber je länger die Zyperngriechen das Drängen der türkischen Zyprer ignorieren, desto misstrauischer werden diese. Ihre größte Sorge ist, dass die Zyperngriechen die reichen Gasvorkommen vor der Küste der Insel in ihrer derzeitigen Notsituation verpfänden könnten, ohne die Landsleute im Norden am künftigen Reichtum teilhaben zu lassen. Nach vorläufigen Schätzungen liegt der Wert der entdeckten und der vermuteten Reserven bei rund 600 Milliarden Dollar.

Auch von den vielen Millionen Rubel, Euro, Pfund und Dollar, die sich noch vor Sperrung der Konten vor drei Wochen aus der Republik Zypern verflüchtigt haben, ist im Norden nichts angekommen. Dass sich Schwarzgeld in einem illegalen Land gut anlegen ließe, wurde allseits vermutet. Manche der 15 lokalen Banken sind so privat, dass sie quasi niemals geöffnet haben und geradezu prädestiniert zu sein scheinen für halblegale Geschäfte. Aber Bilal San, Direktor der Zentralbank in Nordzypern, stellt klar: »Wir haben keinen Transfer von Geldern aus dem Süden zu verzeichnen. Es gab zwar gewisse Anfragen, aber wir folgen den Regeln zur Bekämpfung von Geldwäsche. Wer bei uns große Summen bar einzahlen will, muss den Nachweis über die Herkunft erbringen.«

Ein Konto bei einer nordzyprischen Bank ist ohnehin kein Tor zur Welt. Als international nicht anerkannter Staat ist die Türkische Republik Nordzypern vom Überweisungssystem SWIFT ausgeschlossen. Und ohne internationale Kontonummer gibt es keinen Geldtransfer über Grenzen hinweg. Allein die Niederlassungen der türkischen Banken kämen als Kanal in Frage, doch die Türkei gilt nicht gerade als Anlageparadies.

Die abgeschottete Position Nordzyperns dämpft die Auswirkungen der Krise aus dem Süden bis zur Unmerklichkeit. Der Handel zwischen den beiden Landesteilen hat zwar durch die derzeitige Situation einen kräftigen Dämpfer erhalten, wie Günay Cerkez erklärt, doch der jährliche Gesamtumfang des Nord-Süd-Güterverkehrs von knapp 9 Millionen Euro sei ohnehin nur ein kleiner Posten. Die Wirtschaft im Norden wird zu 70 Prozent durch Geschäfte mit der Türkei bestimmt. Der Euro ist neben der offiziellen Türkischen Lira zwar als Import- und Touristenwährung im Umlauf, allerdings ist das britische Pfund unter den kursierenden ausländischen Währungen sehr viel stärker vertreten.

Die Insel braucht eine wirtschaftliche Gesamtstrategie, findet Handelskammerchef Günay Cerkez: »Für den Süden sollte die Lösung des Zypernproblems ein Teil des Rettungsplans sein. Sich Geld zu borgen ist die eine Sache, aber man muss doch zusätzliche Werte schaffen, um es zurückzahlen zu können. Ein wiedervereintes Zypern wäre ein ökonomischer Neuanfang, der auch wieder Investoren anlockt. Damit wäre uns allen geholfen.«

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