Zwiespältiges Gedenken

Warschauer Aufstand 1944 teilt noch heute die polnische Gesellschaft

  • Von Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 2 Min.
Der Powazki-Friedhof in Polens Hauptstadt Warschau bot in der vergangenen Woche ein beschämendes Bild. Wieder wurde deutlich, wie tief die polnische Gesellschaft politisch und ideologisch zerrissen ist.

Zum 69. Jahrestag des Ausbruchs des Warschauer Aufstands 1944 kam es während der staatlichen Gedenkfeier vor dem Ehrenmal für die im ungleichen Kampf mit den deutschen Okkupanten Gefallenen zu nationalistischen Exzessen. Den Teilnehmern der offiziellen Feierlichkeiten, darunter Staatspräsident Bronislaw Komorowski und Premier Donald Tusk, gellten Buhrufe entgegen. Mitglieder der rechtsextremen Organisation Radikaler Nationalisten (ORN), der Bewegung »Solidarni 2010«, der »Familie Radio Maryja« und der Gruppierung »Polska Walczaca« (Kämpfendes Polen - PW) störten die Feier sogar während des Vaterunsers. Der ehemalige Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, selbst Teilnehmer des Aufstands, nannte die Randalierer »Pöbel«.

Nachdem die Teilnehmer des Staatsaktes abgezogen waren, erschien der Chef der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Jaroslaw Kaczynski, zur Kranzniederlegung und wurde von seinen Anhängern enthusiastisch begrüßt.

Der Jahrestag des Warschauer Aufstands ist indes nicht nur im Hinblick auf die aktuelle Politik ein Anlass der Spaltung in Polen. Nicht nur die Linke, sondern auch rational denkende demokratische Kreise stellen seit längerer Zeit die Frage, die in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung »Przeglad« so formuliert wurde: Wer ist verantwortlich für den Tod von 200 000 Zivilisten? Während des 63-tägigen Aufstands, rechnet der Autor des Textes vor, kamen auf jeden gefallenen Kombattanten fast 13 getötete Zivilisten. Etwa 40 000 Zivilisten wurden gleich in den ersten Tagen in den Stadtvierteln Wola und Ochota von den Hilfstruppen der deutschen Wehrmacht und den Einheiten des SS-Führers Reinefarth niedergemetzelt.

Auf die Frage nach der Verantwortung für die - wie es heißt - »antike Tragödie« gibt es Antworten bereits seit der Kapitulation der Aufständischen am 3. Oktober 1944: fehlerhafte Frontlageeinschätzung durch die Führung der Armia Krajowa (Heimarmee), Nichtbeachtung der deutlichen Anweisung der Exilregierung in London, den Aufstand nicht ausbrechen zu lassen, fehlende Zusammenarbeit mit den Westalliierten, keinerlei Kontakt zu der anrückenden Roten Armee - all dies vor dem Hintergrund des politischen Kalküls, die »Bolschewiken« als »Herr im Hause« begrüßen zu können. An diesen Fakten reiben sich Historiker entgegengesetzter ideologischer Schulen unentwegt. Zwischen »Wahn« und »moralischer Notwendigkeit« gibt es da nur die Euphorie der Warschauer in den ersten Aufstandstagen und deren Flüche, die mit der immer deutlicher werdenden Aussichtslosigkeit zunahmen.

Was wissen die Deutschen heute über den mörderischen Verlauf und die Hintergründe des Warschauer Aufstands? Der Deutschlandkenner Adam Krzeminski meint in »Polityka«, dass darüber in polnisch-deutscher Kooperation ein seriöser Film zu drehen sei. Die Idee ist gut, allein mir fehlt der Glaube an der Wirksamkeit.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal