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»Ich lasse auf Hegel nicht ...«

Wolfgang Harich und eine philosophische Kontroverse in der DDR

  • Von Alexander Amberger
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein entspannter Philosoph
Ein entspannter Philosoph

»Na, ich werde tüchtig zurückprügeln«, schrieb Wolfgang Harich im Mai 1954 an Georg Lukács. Einstecken sollten Rugard Otto Gropp, Walter Besenbruch, Wolfgang Heise und Alfred Kosing - namhafte Widersacher in der Debatte um die Hegel-Rezeption in der DDR. Diese war einer der wichtigsten Diskurse im Hinblick auf die Entwicklung der Philosophie des ostdeutschen Staates. Im Grunde ging es um die Herausbildung eines Standpunktes zum Umgang mit dem Erbe des deutschen Idealismus und um die Frage, ob Georg Wilhelm Friedrich Hegel als Vorläufer des Marxismus oder des Nationalsozialismus gelten sollte. Während die Moskau treuen Genossen Stalins simpler Lesart folgten und Hegel als protofaschistisch auslegten, kämpften u. a. Ernst Bloch, Lukács und eben Harich für eine marxistische Wertschätzung des großen deutschen Idealisten. »Ich lasse auf Hegel nicht scheißen!« ist nicht ohne Grund eines der bekanntesten Zitate des jungen Harich - indirekt gerichtet gegen Stalin höchstselbst.

Der vor 90 Jahren, am 9. Dezember 1923, in Königsberg geborene Philosoph spaltete zu Lebzeiten die Gemüter und tut dies auch heute noch, fast zwei Jahrzehnte nach seinem Tod. Egal, ob im Kreise der Intellektuellen der jungen DDR, auf der Anklagebank des Schauprozesses 1957, innerhalb der SED-kritischen Intelligenz und im Kreise der Kulturpolitiker und -funktionäre, in der westlichen Umweltbewegung um 1980 oder nach der Wende: Harich eckte oft an. Er machte sich bei vielen Leuten unbeliebt und hatte dennoch stets Anhänger. Diese bewunderten vor allem seinen Scharfsinn. Hinzuweisen ist andererseits aber auch auf das ihm eigene teilweise völlig unrealistische Querdenken. Zu nennen ist hier etwa sein kaum nachvollziehbarer Standpunkt im Streit um Nietzsche in der späten DDR. Damals forderte er die SED auf, den in Weimar lagernden Nachlass des Philosophen zu verbrennen und ihn damit »ins Nichts« zu verbannen.

Doch bei aller Kritik - ob berechtigt oder nicht - bleibt Harich einer der interessantesten deutschen Marxisten des letzten Jahrhunderts. Weil er sich immer wieder über die Parteilinie hinwegsetzte und dabei zugleich nicht zu den »Bürgerrechtlern«, zur Opposition gehören wollte. Dadurch saß er oft zwischen den Stühlen und wurde aus konträren Richtungen angefeindet.

Harichs umfangreicher Nachlass schlummerte aufgrund von Querelen um den Anspruch auf sein Erbe seit Mitte der 1990er Jahre in Amsterdam. Andreas Heyer und Harichs Witwe Anne ist es zu verdanken, dass er nun zugänglich gemacht wird. Auf ganze elf Bände ist die Reihe angelegt. Ausgewählt, editiert, eingeleitet und kommentiert von Heyer werden dabei u. a. Debatten unter marxistischen Denkern nachgezeichnet. Im Falle des Hegel-Bandes kann man hier z. B. erkennen, dass die Philosophie der DDR bis 1956 tatsächlich noch auf der Suche nach einer eigenen Identität zwischen den beiden politischen Einflusspolen Moskau und Bonn war.

Harich hielt nur wenig vom orthodoxen Marxismus-Leninismus und suchte nach einem undogmatischen marxistischen Ansatz und Diskurs. Die von ihm als Chefredakteur anfangs geleitete »Deutsche Zeitschrift für Philosophie« (DZfPh) war schließlich auch als Forum für marxistische Intellektuelle aus ganz Deutschland gedacht, ehe sie 1957 der Parteilinie untergeordnet wurde. Dies wird anhand der abgedruckten Dokumente im ersten veröffentlichten Nachlassband deutlich. Zu Recht schreibt der Herausgeber in seinem einleitenden Essay, dass man die handelnden Akteure in der Frühphase der DDR nicht in ein Gut-Böse-Schema einpassen kann. Denn sie waren alle Suchende und haben dabei nicht immer den Kurs Moskaus eingehalten. Selbst der spätere »Chefideologe« Kurt Hager sei vor 1956 Anhänger des später von ihm verstoßenen Bloch gewesen.

Der Band enthält neben Harichs Hegel-Vorlesung an der Humboldt-Universität (HU) seinen Beitrag für das nach seiner Verhaftung eingestampfte Heft 5/1956 der DZfPh sowie Aufsätze über Feuerbach, Heine und Marx. Die klassische deutsche Philosophie galt als Harichs Steckenpferd. So war er auch der Meinung, dass an der HU in Bezug auf die Geschichte der Philosophie intellektueller Nachholbedarf bei der Professorenschaft bestünde, wie aus einem abgedruckten »Protokoll der Sitzung des Philosophischen Instituts« vom April 1952 hervorgeht. Nachdem er Hager, Ernst Hoffmann und den Ordinarius Walter Hollitscher angegriffen hatte, entgegnete Letztgenannter: »Du bist ja größenwahnsinnig.« Recht hatten wahrscheinlich beide Seiten. Aber gerade das teils übersteigerte Selbstbewusstsein des 1995 verstorbenen Wolfgang Harich macht dieses Buch hochinteressant und kurzweilig.

Wer sich für die Geschichte der DDR-Philosophie interessiert, wird an dieser Nachlassreihe nicht vorbeikommen.

Andreas Heyer (Hg.) Wolfgang Harich. An der ideologischen Front. Hegel zwischen Feuerbach und Marx. Tectum-Verlag, Marburg. 800 S., br., 44,95 €.

Am Montag, den 9. Dezember (19 Uhr), stellt der Herausgeber den Hegel-Band im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Bürogebäude am Franz-Mehring-Pl. 1, 10243 Berlin vor.

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