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Was habe ich eigentlich?

Medizinstudenten machen das Fachchinesisch eines Arztbefundes für Patienten verständlich

  • Von Manuela Käselau
  • Lesedauer: 5 Min.
Das Problem kennen alle Menschen ohne medizinische Ausbildung: Man hat beim Arztbesuch weder den Mediziner, noch den schriftlichen Befund verstanden. In solchen Fällen gibt es jetzt kostenlose Hilfe im Netz.

Angefangen hat es mit einem Freundschaftsdienst. Anja Kersten, damals Studentin der Humanmedizin, wurde von einer Freundin um Rat gefragt - ihre Mutter war nach einer Krebserkrankung untersucht worden und hatte darüber einen Arztbrief bekommen. Der Inhalt blieb ihr aber ein Rätsel und die Angst war groß, zumal »Metastasen« erwähnt wurden. Die Medizinstudentin setzte sich mit dem Brief auseinander, übersetzte und erklärte ihn. Ihr fiel auf, dass es vielen Menschen so geht und die wenigsten jemanden aus der Familie oder dem Freundeskreis fragen können. Was lag da näher, als diesen Freundschaftsdienst auszuweiten und für alle Interessierten anzubieten? Sie fand Mitstreiter - den Medizinstudenten Johannes Bittren und mit Ansgar Jonietz den Mann für die Informatik. Im Sommer 2013 arbeiteten bereits 215 Medizinstudenten, 73 Assistenz- und Fachärzte für das Internetportal »washabich.de«. Mittlerweile sind auch 305 Alumni ehrenamtlich dabei. Sie übersetzen 150 medizinische Dokumente pro Woche, seit dem Start sind 13 991 Befunde abgearbeitet worden. Langfristig ist geplant, die Kapazitäten des Projektes auszubauen, damit möglichst viele Menschen auch ohne Wartezeit ihre Befunde einschicken können.

Wäre es aber nicht einfacher, wenn Ärzte gleich so reden würden, dass jeder sie versteht? Nicht unbedingt. Ärzte bedienen sich einer Fachsprache, wie andere Berufsgruppen auch. Auf diese Weise kann man auch komplizierte Sachverhalte kurz und präzise darstellen, Missverständnisse und Fehlinterpretationen sind ausgeschlossen - im medizinischen Bereich kann das lebenswichtig sein. Diagnosen, Dokumentationen und der Austausch mit den Kollegen müssen vor allem eines sein: eineindeutig. Das kann natürlich den Nebeneffekt haben, dass Nichteingeweihten der Zugang zu den Informationen verwehrt bleibt.

Wenn Ärzte ihren Patienten die Fachsprache nicht erklären, kann das mehrere Gründe haben: Mangelndes Einfühlungsvermögen oder auch mangelnde sprachliche Fähigkeiten. Da unterscheiden sich Ärzte nicht von anderen Menschen - einer kann es, der andere nicht. Zudem weiß der Arzt oft nicht, wie weit ihn ein Patient versteht oder eben nicht. Gepaart mit der Furcht vieler Menschen, den Arzt etwas zu fragen oder dem Vergessen von Fragen wegen der Aufregung, die einige in einer Praxis befällt, ergibt das meist einen uninformierten Patienten. Auf Seiten des Arztes spielt außerdem die Zeit eine große Rolle - im normalen Praxis- oder Klinikalltag sind ausführliche Gespräche nicht vorgesehen, weil sie nicht angemessen vergütet werden.

Wer auf die Homepage des Projektes geht, kommt mit einem Quäntchen Glück gleich an die Reihe. Mit Pech ist die Tageskapazität schon ausgelastet und man wird gebeten, es am nächsten Tag erneut zu versuchen. Meist aber landet man im virtuellen Wartezimmer. Hier kann man seine E-Mail-Adresse eintippen, dann bekommt man eine Nachricht, wenn die Anmeldung erfolgreich war. Nun heißt es warten, bis wieder eine Mail kommt - das kann schon mal ein paar Tage dauern. Wenn es so weit ist, gibt man seinen Befund anonymisiert ein. Er darf maximal zwei Seiten lang sein, Auszüge sind auch erlaubt. Die Patientendaten werden nicht übermittelt, nur Alter und Geschlecht werden mitgeschickt. Der Text kann eingetippt, per Fax geschickt oder hochgeladen werden, als jpg-, pdf-, png- oder Word-Dokument. Jetzt heißt es wieder warten, bis spätestens nach einigen Tagen eine neue E-Mail kommt. Diese enthält einen Link, unter dem man seine Übersetzung, geschützt durch ein Passwort, abrufen kann.

Ende 2011 nahm die Stiftung Warentest die Plattform unter die Lupe und befand: »Die Übersetzungen der fünf Testbefunde waren insgesamt von empfehlenswerter Qualität. Zwar kamen auch Ungenauigkeiten, uneindeutige Formulierungen und kleinere Übersetzungsfehler vor, sie waren aber nicht so gravierend, dass sich daraus für Patienten ein Problem ergeben könnte. Insgesamt waren die Texte für Laien gut verständlich.«

Das Angebot finanziert sich über Sponsoren und wird von medizinischen Partnern unterstützt. Für den Kunden fallen keine Kosten an, da die Übersetzer ehrenamtlich arbeiten. Wer will, kann aber Geld spenden, was immerhin 40 Prozent der Nutzer tun. Der größte Teil davon geht an die Person, die den Befund übersetzt hat, der Rest landet in der Infrastruktur des Projekts.

Die eingeschickten Befunde werden nur übersetzt und erklärt. Therapieempfehlungen, Bewertungen von Diagnosen oder ärztlichen Maßnahmen gibt es hier nicht. Schon auf der Startseite erfahren die Besucher, dass ihre Befunde auch nicht in Zusammenhänge zu anderen Krankheiten gesetzt werden, da man dazu den Patienten vor sich sehen und seine Krankengeschichte im Verlauf kennen müsste. Einen Besuch in der Arztpraxis ersetzt die Plattform demzufolge nicht. Die Studenten wollen sich hier auch nicht gegen ihre Kollegen positionieren, ihnen geht es eher um den Wissenszuwachs. Sie sind alle in höheren Semestern, lernen auf diese Weise für ihr Studium und bereiten sich auf die spätere Praxis vor. Unterstützt werden sie von approbierten Medizinern oder Psychologen.

In Internetforen sind allerdings auch kritische Stimmen zu lesen, die danach fragen, was das Ganze eigentlich soll. Es wäre ja schließlich mittlerweile jeder selbst in der Lage, seinen Arzt um verständliche Informationen zu bitten. Diese Annahme stellt sich in der Praxis aber als Irrtum heraus: Menschen jeder Altersklasse und jeden Bildungsniveaus können mit medizinischen Formulierungen schnell überfordert sein. Für genau diese ist www.was- habich.de eine gute Hilfe.

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