Kämpfe und Chaos in den Qalamun-Bergen

Bewaffnete Auseinandersetzungen der syrischen Kriegsparteien an der Grenze zu Libanon

  • Karin Leukefeld, Damaskus
  • Lesedauer: 3 Min.
Syriens Armee ist in schwere Kämpfe mit bewaffneten regierungsfeindlichen Gruppen verwickelt. Die aktuellen Gefechte konzentrieren sich auf Aleppo und die Qalamun-Berge an der Grenze zu Libanon.

Aus der syrischen Stadt Yabrud in den Qalamun-Bergen etwa 80 Kilometer nordöstlich von Damaskus sind in den vergangenen Wochen Zehntausende Zivilisten geflohen. In Yabrud werden weiterhin die Ende 2013 aus dem Kloster Mar Thekla entführten Nonnen vermutet. Deren Entführer hatten die Freilassung von Gefangenen und den Rückzug der Streitkräfte gefordert. Verhandlungen waren bislang gescheitert.

Ziel der Militäroperation in den Qalamun-Bergen ist es, Tausende Kämpfer, die sich in Höhlen und schwer zugänglichen Tälern verborgen halten, zur Aufgabe oder zum Rückzug zu zwingen. Über den Höhenzug führt eine der letzten Nachschublinien der Rebellen aus Libanon, die die Armee schließen will.

Unterstützt werden die syrischen Streitkräfte von der libanesischen Hisbollah. Deren Führer Hassan Nasrallah hatte zuletzt den Einsatz seiner Kämpfer in Syrien bekräftigt und sich an die arabischen Staaten gewandt. »Wenn Sie nicht wollen, dass in dieser Region Chaos ausbricht, das Jahrzehnte dauern kann, beenden Sie den Krieg gegen Syrien«, sagte Nasrallah an die Adresse politischer Führer in den Golfstaaten. »Ziehen Sie die Kämpfer aus Syrien ab. Lassen Sie zu, dass die Syrer sich miteinander versöhnen«, dann werde »selbstverständlich« auch Hisbollah abziehen.

Zuvor hatte der Vorsitzende der sogenannten Zukunftsbewegung in Libanon, Saad Hariri, die Hisbollah und alle ausländischen Kämpfer zum Rückzug aus Syrien aufgefordert. Politiker seiner Partei hatten in den vergangenen drei Jahren den Nachschub von Kämpfern und Waffen nach Syrien unterstützt. Hauptquelle des Nachschubs sind Katar, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten. Die Zukunftsbewegung steht in scharfer politischer Konkurrenz zur Hisbollah, will aber offenbar ein Übergreifen der Kämpfe aus Syrien auf Libanon vermeiden.

Nach westlichen Geheimdienstangaben sollen sich derzeit mindestens 3000 saudische Kämpfer in Syrien befinden. Einer von ihnen, Sulaiman al-Subaie (25), der nach dem Tod seines Bruders in Syrien und angefeuert von religiösen Predigern als »Gotteskrieger« in den »Krieg gegen Assad« gezogen war, hatte das dieser Tage im saudischen Fernsehen als Fehler bezeichnet. Er war bei seiner Rückkehr nach Saudi-Arabien festgenommen worden, wo ihm nun angeblich bis zu 20 Jahre Haft drohen. Es heißt, in saudischen Medien melden sich inzwischen immer häufiger Angehörige von in Syrien Kämpfenden zu Wort und verurteilen die Geistlichen, die ihre Kinder zum Mittun in diesem Krieg auffordern.

Aus dem Umland von Damaskus waren am Wochenende erneut heftige Detonationen zu hören. Während die meisten Vororte einem lokalen Waffenstillstand zugestimmt haben und die Bewohner zurückkehren, wird in Adra und Jobar weiter gekämpft. Im palästinensischen Flüchtlingslager Yarmuk ist ein Ende Januar ausgehandelter Waffenstillstand zerbrochen. Die Vereinbarung sah den Rückzug der Nusra-Front vor, die nun nach Yarmuk zurückgekehrt ist. Letzten Meldungen zufolge sollen sich auch Kämpfer des »Islamischen Staates in Irak und der Levante« in Yarmuk aufhalten. »Offenbar will man, dass alle Palästinenser Yarmuk und Syrien verlassen«, meint der Palästinenser Abu Udai gegenüber »nd« verbittert. 15 Jahre habe er in den Golfstaaten gearbeitet, um für sich, seine Frau und die zwei Kinder ein Haus in Yarmuk und ein eigenes Geschäft aufzubauen. Alles sei zerstört, alles habe er verloren. »Sagen Sie Frau Merkel, dass wir Palästinenser gern alle nach Deutschland kommen. Wohin sollen wir gehen, wenn man uns daran hindert, in unsere Heimat zurückzukehren und uns unsere Zuflucht in Syrien zerstört?«

Das US-Außenministerium hat am vergangenen Mittwoch gegen den syrischen UN-Botschafter Baschar al-Jaafari und seine Mitarbeiter in New York das Recht auf Bewegungsfreiheit begrenzt. Die syrischen Diplomaten dürfen sich laut einer Erklärung der Außenamtssprecherin Jen Psaki nur noch in einem 25-Meilen-Radius (40 Kilometer) von New York bewegen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal