Närrische im Farbenrausch

Indien feiert Holi-Fest

  • Doreen Fiedler, Delhi
  • Lesedauer: 2 Min.

Hunderte Menschen sitzen auf dem Boden des Radha-Raman-Temel in Vrindavan im Norden Indiens. »Krishna, warte, lass mich ein paar Farben auf Dich werfen«, singen sie. Dann läutet ein Tempeljunge die Glocke. Alle springen auf, klatschen in die Hände, der Vorhang geht auf, die schwarze Statue des Gottes Krishna erscheint, die Farbenexplosion beginnt.

Immer wieder greifen die Hindu-Priester in riesige Schüsseln und werfen von der Bühne Farbpulver in die Menge: rosa, gelb, rot, grün. Die Staubwolken legen sich über die Gläubigen, bedecken ihre Haare, färben die weißen Gewänder. Die Menschen tanzen. Über ihnen blinken Lichterketten an Tempelbalkonen aus dem 16. Jahrhundert. »Das ist die Explosion der Verzückung«, sagt Shrivatsa Goswami, Guru und Priester am Tempel. Seit einer Woche feiern Gläubige das Frühlingsfest Holi an diesem heiligen Ort, wo sich laut Tradition einst Lord Krishna mit den Gopis, den Hirtenmädchen, vergnügte. Am Montag werden Hunderte Millionen Menschen in Nordindien in die Feiern einsteigen, sich mit Farbe bewerfen und mit buntem Wasser bespritzen.

»An Holi darf jeder ein bisschen närrisch sein, die Regeln brechen, sich unartig benehmen, flirten - und alle lachen, ohne ersichtlichen Grund«, sagt Saloni Puri. »Es geht bei dem Fest um Wiedergeburt und Erneuerung«, erklärt Mythologe Devdutt Pattanaik. Die Farben dienen als Gleichmacher. Egal ob alt oder jung, hohe oder niedrige Kaste, reich oder arm - soziale Schranken sind aufgehoben. So wird das Festival zur Kraft, die die Gesellschaft zusammenhält. Nach dem Frühlingsfest müssen alle die Farben abwaschen - das symbolisiert die Reinigung und Befreiung von der Last des alten Jahres, sagt Kulturwissenschaftlerin Navina Jafa.

An den verrückten Tagen ist vieles verkehrt. Vielerorts ziehen Frauen in roten und pinkfarbenen Saris durch die Gassen, mit Stöcken in der Hand. Sie verprügeln alle Männer, die ihren Weg kreuzen. »Das ist die Rache von Krishnas Geliebten«, sagt Kulturmanager Himanshu Verma. »Das ganze Jahr über spielt Gott Krishna Possen, zerbricht Geschirr und neckt die Frauen. Nun rächen sie sich.«

Vor zwei Jahren wurde Holi nach Deutschland importiert. Zu Technorhythmen versammeln sich im Sommer Tausende junge Menschen. Der DJ zählt einen Countdown herab: »3, 2, 1, Party Time«. Dann seifen sich alle mit Farben ein. »Die Religion spielt bei uns natürlich keine Rolle«, sagt Mitorganisator Maxim Derenko. Es gehe um das Gemeinschaftserlebnis. Navina Jafa sieht das skeptisch. »Alle Feste sind eingebettet in ein kulturelles und gesellschaftliches Umfeld.« Holi sei nur mit der religiösen Geschichte und Tradition zu verstehen. »Wenn man das woanders nachbildet, bekommt man nur die Dekoration.« dpa/nd

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