Jagd nach dem Dasein

Das Staatsballett Berlin brilliert mit »Ratmansky | Welch« im Schiller-Theater

Ein Abend, wie man ihn sich für das Repertoire des Staatsballetts wünscht. Das Schiller-Theater bietet zwei der bekanntesten Choreografen unserer Zeit ein Podium. Gut zwei Jahrzehnte musste der Australier Stanton Welch, seit 2003 Leiter des Houston Ballett, internationale Erfolge einfahren, ehe er nach Berlin geladen wurde. Mitgebracht hat er eine 2001 beim American Ballet Theatre in New York uraufgeführte Kreation zu fünf Sätzen aus zwei Bach-Konzerten: für Violine und Oboe, BWV 1060, sowie für Violine, BWV 1056.

Dass der Abend von der Staatskapelle unter Paul Connally mustergültig begleitet wurde, verlieh ihm zusätzlich Spannung. Die lag auch über »Clear«, das nach den Terroranschlägen auf die Twin Towers entstand. Dennoch dominieren in der Choreografie die Leichtigkeit der Erfindung, ein steter Fluss, Tempo sowie ein technischer Standard. Acht Männer fliegen in transparentem Spiel über die Bühne, als jagten sie ihrem Daseinsinhalt entgegen. Wenn sie dabei mit Köpfen oder Knien wackeln, die Füße anwinkeln, über den Boden gleiten, dann löst das sowohl die Strenge des klassischen Vokabulars als auch eine leise Melancholie humorig auf.

Wie Michael Kors’ Kostüme den Blick auf die Körperlichkeit freigeben, setzt auch Lisa Pinkhams Lichtdesign den Tanz dezent in Szene. Der hält sich eng an die musikalische Struktur und behauptet im freien Spiel mit ihr trotzdem delikat sein Eigenleben. Immer wieder mischt sich in die still, ruhig, fast mathematisch gebaute Abfolge männlicher Duos und Trios wie ein Lichtstreif eine Frau ein. Das finale Largo in zauberischer Nachtstimmung fügt zärtlich schmiegend ein Paar. Wie begeistert sich die brillanten Herren um Vladimir Malakhov und Elisa Carrillo Cabrera als Muse dem häufig kanonhaften Geflecht der Formationen aussetzen, dürfte »Clear« klar ein langes Leben im Staatsballett sichern.

Sodann stellt Alexei Ratmansky, vormaliger Chef beim Bolschoi-Ballett Moskau, seit 2009 dem American Ballet Theatre als residenter Choreograf verbunden, 23 Tänzern, ob Gruppe oder Solo, dankbare Aufgaben. Einstudiert hat er mit »Namouna. Ein großes Divertissement« die Essenz eines 1882 in Paris gezeigten Handlungsballetts zu Musik von Edouard Lalo. Aus der kruden postromantischen Seeräuberpistole wurde bei Ratmansky 2010 für das New York City Ballet eine so fröhliche wie enigmatische Folge von Tänzen, die in das Gewirr um einen Matrosen zahllose ironisch gebrochene Reminiszenzen aus dem Fonds des Balletts einweben. Die stilisierten Kostüme von Rustam Khamdamov und Marc Happel tun das Ihre, die amüsante Verwirrung zu befördern.

Unter Kappen konkurrieren Schwäne und Entlein, schlagen Frauen goldene Becken, zitieren sylphidisches Lauschen, fügen sich zu tradierten Bildern. Ein »Kobold« jagt den verdatterten Matrosen, rauchende Ballerinen umgirren ihn. Die mit technischen Finessen gespickte Hatz des Matrosen endet handfest: Eine Frau okkupiert ihn im Kuss, die Gruppe salutiert freudig.

Auch dies Werk ist ein Wurf, fußflink, schmissig, sicher in den Rastern, rasant in den Formwechseln. Rainer Krenstetter als der Matrose, Nadja Saidakovas Titelfigur, Ulian Topors fulminanter »Kobold«: Spitzenleistungen inmitten eines rundum formidablen Ensembles.

Nächste Vorstellung. 26.3

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