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Von den Wahrheiten eines Wahnsinnigen

»Die Sendermann-Serie« in der Galerie Laura Mars in Kreuzberg

Wie ein das Unheil verkündender Prophet sieht dieser Mann nicht aus. Mantel, Hut, Wohlstandsbauch - wäre da nicht das Ungeheuerliches verkündende Plakat in seinen Händen, vorbeigehende Passanten auf dem Kurfürstendamm würden ihn für einen typischen Vertreter des nicht nur geistig beleibten Spießbürgers von nebenan halten.

Doch vom Sendermann, dessen Biografie mindestens genauso bruchstückhaft ist wie seine Botschaften, geht eine Warnung an die damalige Westberliner Bevölkerung aus. Nicht weniger als die totale Überwachung prophezeite er, in jedem Haus befinde sich längst ein Sender, die Geheimdienste überwachten mittels ausgefeilter Technik längst alles und jeden zu jeder Zeit. Das behauptete der unter dem Namen Sendermann bekannt gewordene, aber ansonsten anonyme bleibende Mann nicht etwa im Zuge der NSA-Enthüllungen, wo jedes Smartphone zum Zielobjekt der Spitzeleien wird, sondern bereits in den 70er Jahren.

Damals war die Überwachung im Gegensatz zu heute wenigstens oft noch für jeden unmittelbar ersichtlich, präsentierte sie sich doch, wie im Fall Berlins, in Form eines über die halbe Stadt sichtbaren Radargebäudes auf dem Teufelsberg. Da mag es wie eine Ironie der Geschichte wirken, dass die weithin kenntliche Anlage jahrelange von derselben NSA federführend betrieben wurde, deren heute üblichen Überwachungsmethoden erst durch Edward Snowden einer breiten Bevölkerungsschicht publik gemacht wurde.

Doch ein Whistleblower war Sendermann nicht - wohl eher ein Verrückter, dessen Verfolgungswahn oft näher an die Wirklichkeit herankam, als es viele seiner Zeitgenossen glauben wollten, und der im Rückblick betrachtet das Bild einer bürgerlich geprägten Gesellschaft zeichnet, die die Überwachung nicht ernst nahm, da sie sich bis heute an den Glauben klammert, der fürsorgliche Staat handele einzig aus einer fürsorglichen väterlichen Position heraus, um seine Schützlinge namens Bürger vor dem Bösen zu schützen.

Solche Hoffnung auf einen allseitig dienenden guten Zweck hinter der Überwachung zerstört der Sendermann mit seinen Mahnungen, die er bereits Jahre vor seinen öffentlichen Auftritten in der Fußgängerzone, an Häuserwänden, Türen, Telefonzellen und Plakaten hinterließ. Seine Warnungen fielen schon allein deshalb auf, da Kritzeleien - von Grafitti ganz zu schweigen - noch ein relativ junges Phänomen in der Bundesrepublik darstellten. Sendermanns Botschaften tauchen ab 1972 erst in Tempelhof und Schöneberg, später zu Dutzenden in der gesamten Westberliner Innenstadt auf.

Das Vokabular stets überschaubar, die kryptischen Satzfetzen ergeben erst durch das Hintergrundwissen ihres Betrachters einen Sinn, oft wirken sie paranoid und nur schwer entschlüsselbar. »Bürger werden körperpolitisch mit Sendern verfolgt - gefoltert, ermordet! SPD« heißt es da an einer Telefonzelle. Was oberflächlich wie zusammenhangloser Wahnsinn klingt, erschließt durch das Zusammenspiel mit anderen an Wände geschmierten Botschaften seinen Funken Wahrheit. Sendermann protestierte nicht nur gegen Überwachung, er nahm zu vielen politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen seiner Zeit Stellung.

Da ist die durchgestrichene Zahl 218, ein mutmaßlicher Protest gegen den »Abtreibungsparagrafen«, der 1974 vom Bundestag zunächst beschlossen, ein Jahr später vom Bundesverfassungsgericht gekippt und schließlich in eine verschärfte Fassung geändert wird. Was der Sendermann im Detail wirklich sagen wollte, bleibt indes aufgrund der bruchstückhaften Ausdrucksfetzen verborgen. Vielleicht war es ihm auch nicht möglich, aus seiner Vielzahl von Gedanken einen klaren herauszufiltern.

Ein Verrückter erkennt aber bekanntlich oft mehr als die vermeintlich Sehenden. Auf einem Plakat preist eine unmittelbar aus der heilen Werbewelt entsprungenen Familie, eingekuschelt in eine warme Decke, einen bekannten Weichspüler an. Der Sendermann platzierte darunter seine Botschaft »Sender-Terror-Verfassungsschutz-Bonzen«. Die Kunst besteht nun weniger darin, zu entschlüsseln, welch wahrscheinlich kruden Gedankengang der Sendermann seiner Mitwelt damit sagen wollte, sondern wie der transportierte Subtext lautet. Die Welt ist alles andere als eine kuschelweiche Spielwiese vollgepackt mit dem naiven Glauben an das Gute.

Sendermanns Mahnungen und Gedanken wären längst verschwunden, wären sie nicht vom Künstler Andreas Seltzer bereits in den 70ern in Schwarz-Weiß fotografisch festgehalten worden. Überraschende Botschaften, noch bis Samstag in der Galerie Laura Mars zu sehen.

Bis 5.4., Di-Fr 13-19 Uhr / Sa 13-17 Uhr, Galerie Laura Mars, Sorauer Str. 3, Kreuzberg, www.lauramars.com

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