Sand und Trash

Freitags Woche

Echte Scheußlichkeiten müssen manchmal eine Weile sacken, um darüber reden zu können. Dabei ist die Talkshow mit Günther Jauch häufiger mal eine Qual, die sprachlos macht. Doch was er gestern vor einer Woche abgeliefert hat, musste erst mal acht Tage im Intellekt abhängen. Denn wie der plebejische Dampfplauderer das blutspermatränentriefende Gossenblatt »Bild« zum Quell journalistischer Moral erklärte, wie Springers aasigster Sportreporter Draxler zum Medienmobthema Schumi den Moralisten geben durfte, wie der, äh, Moderator das boulevardbesetzte Sofa im Eigenlob baden ließ - all dies zeigte, wie nah der öffentlich-rechtliche Rundfunk Jauchs Stammsender RTL längst kommt.

Und das ausgerechnet, wo dort tags Sonderbares geschah. Im Rahmen des geistig schlichten Magazins »Extra« lief eine gelungene Reportage über die fiesen Praktiken bei Zalando, die dem Schuhversand einen veritablen Shitstorm bescherte (und RTL eine Klage der heimlich Gefilmten). Das ist insofern bemerkenswert, als dem Sender jede Form sozialen Gewissens ansonsten fern ist wie ein Pulitzerpreis. Den haben vorigen Dienstag übrigens der britische »Guardian« nebst »Washington Post« für ihre Berichte zum NSA-Skandal gekriegt, was sich die Bundesregierung bei ihrer Behandlung Edward Snowdens kurz mal vor Augen halten könnte.

Am gleichen Tag ging der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis die Haupttrophäe für deutsche Journalisten an Stephan Lamby für Reportagen wie die über den Kanzlersohn Walter Kohl. Und an die ARD-Reporterin Golineh Atai für ihre Berichte vom Maidan. Weniger preiswürdig dürfte sein, wofür das ZDF am 22. April seinen wichtigsten Dokumentarplatz hergibt: einen Film über Hollands Königspaar »Máxima und Willem-Alexander«, der sich auf dem Niveau von »Sing meinen Song« bewegen dürfte, wo parallel Künstler von Sarah Connor bis Xavier Naidoo - tihi - Lieder der jeweils anderen singen.

Also doch wieder Arte, wo zeitgleich »Die neue Umweltzeitbombe« läuft, eine Reportage über illegalen Sandabbau. Darauf muss man erst mal kommen! Tags drauf schärft der Kulturkanal dann sein fiktionales Profil mit Hendrik Handloegtens »Fenster zum Sommer«, das die wohl beste Schauspielschulklasse der Gegenwart in einem Film vereint: Nina Hoss, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt, Lars Eidinger.

Für Feinschmecker ist das umso wichtiger, da im Ersten dank der Champions League der Mittwochsfilm ausfällt. Ein wenig kompensiert die ARD das am Donnerstag mit einen Pilotfilm, der eine Fortsetzung verdient hätte: »Kommissar Dupin« mit Pasquale Aleardi als Pariser Ermittler in der Bretagne. Erstaunlich leicht. Schwerere Kost dagegen serviert der Psychoschocker »Eden Lake« mit Michael Fassbender als Großstadtschnösel im Clinch mit brutaler Kleinstadtjugend (ZDFneo, Freitag, 23.05 Uhr). Krasser ist da nur noch der »Tipp der Woche« am Mittwoch: »Lady Frankenstein« (22.45 Uhr, HR), grandioser Softpornohorrortrash.

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