Verhudelte Waldeinsamkeit

»Herz der Finsternis« - eine Ausstellung mit Zeichnungen, Installationen und Objekten von Henrik Schrat in Jena

  • Von Doris Weilandt, Jena
  • Lesedauer: 3 Min.
Für seine hintersinnigen Bilderzählungen bevorzugt der Thüringer Hendrik Schrat Schattenrisse. Darin verschränkt er die Welt der Märchen und Mythen mit der Realität, so auch in seiner Jenaer Schau.

Jena. Schwarze Schattenrisse von Figuren führen durch die eigentümliche Welt des Henrik Schrat, der seine Geschichte auf einer großen Erzählung aufbaut: »Heart of Darkness« von Joseph Conrad. Der kurz vor der Wende ins 20. Jahrhundert erschienene Bestseller regte immer wieder Filmemacher und Schriftsteller zu eigenen Interpretationen an, darunter Werner Herzog mit »Aquirre, der Zorn Gottes« oder Francis Ford Coppola mit »Apocalypse Now«.

Der bildende Künstler Schrat verlegt die Handlung in einen Dschungel von Einkaufspalästen. Von Kindern gezogen, sitzen die Konsumenten angekettet in den Gefängnissen der Einkaufskörbe. Ihr Weg führt in die Warenregale, zielstrebig und ohne eine Möglichkeit der Umkehr. Einzig ein Pärchen, das sich rauchend am Rand der Szene niedergelassen hat, ist nicht in diesem Sog gefangen. Doch Vorsicht, die Gelassenheit täuscht: Wie im Original gibt es keine Chance zum Überleben. Raum für Raum führt die Reise - beginnend mit strickenden Großmüttern, die im bildlichen Sinne des Wortes den Faden aufnehmen. Die Schicksalsgöttinnen weisen den Weg, der Conrad in das Innere Kongos brachte und den heute Schrat auf seinen Spuren unternimmt. Die Übersichtlichkeit, auch was das eigene Befinden betrifft, nimmt ab. Schatten überlagern sich.

Zur Verwirrung trägt bei, dass der im thüringischen Greiz aufgewachsene Künstler mit der altertümlichen Technik des Schattenrisses arbeitet, die aus der Märchenwelt von Phillip Otto Runge kommt. Das Schwarz-Weiß spiegelt bei ihm jedoch kein Naturidyll. Es ist vielmehr spielerisches Mittel. Er zeichnet direkt auf die Wand - so eine Bande von schwer bewaffneten alten Menschen, den »Pensionfighters«. Oder fertigt lebensgroße Laubsägearbeiten, die, als Lagerbestand abgestellt, auf ihre Bestimmung warten.

Am Ende der ersten Raumflucht erwartet den Besucher ein kunstvoll gerahmter Spiegel, der den Konsumenten verschlingt. Was sind wir bereit zu opfern, um diesem Schicksal zu entgehen? Genügt dem Teufelsrachen unsere Eitelkeit? Schrat hat sich lange mit der Vorlage von Joseph Conrad beschäftigt, bevor er sie nun erstmalig in Jena umgesetzt hat. »Das Buch lag mir schon lange auf der Seele«, sagt der Künstler, »die Frechheit, mit der Conrad Metaphern setzt und die Textstruktur ist so interessant.«

Der in der Kunst als altmodisch geltende Werkstoff Holz erfährt durch Schrat eine Wiederentdeckung. Dabei macht er auch nicht vor Intarsien halt. Ein Stipendium in Indien ermöglichte ihm die intensive Beschäftigung mit der traditionellen Technik, die dort im Kunsthandwerk noch sehr verbreitet ist. Aus edlen Furnieren fügt er Bilder, die eine »Space-Odyssee« erzählen. Das Unverdorbene ist ein einäugiger Wilder, der modernen Besatzern ohne Vorbehalte begegnet. Intarsien verwendet Schrat auch als Stilmittel am Ende der Reise wieder, wenn er sein metaphorisches Füllhorn nach einer Wanderung durch den thüringischen Märchenwald von Neuem ausgießt. Die Ankunft im Herzen der Finsternis kann in Gestalt des klassischen Bösen düsterer nicht sein. Darunter ein Plakat zum Mitnehmen mit einer schwarzen Rose - Gertrud Stein lässt grüßen und verabschiedet die Besucher in eine Zukunft, die sich über Brecht erschließt: »Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns/Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.«

Schrat hat eine Reihe von Künstlern eingeladen, als Gäste an seiner Expedition teilzunehmen. Die letztes Jahr auf der Berlinale mit dem Preis für den besten Kurzfilm ausgezeichnete Susann Maria Hempel (Greiz) zeigt die filmische Projektion eines Naturstückes im geschlossenen Raum, das beobachtet werden kann. Vertreten sind auch Kai Voigtmann, Marcel Bühler, Pius Fox, Margret Hoppe, Paul McDevitt, Deborah Wargon, Uta Zaumseil und andere.

Ausstellung »Herz der Finsternis, verhudelt. Henrik Schrat & Gäste«, Stadtmuseum Jena bis 17. August 2014 Informationen im Internet unter www.kunstsammlung.jena.de

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