Ein wenig Lampenfieber tut gut

Expertin hilft Musikern durch Auftrittstraining bei der Überwindung ihrer Angst

nd: Warum haben Menschen Lampenfieber?
Spahn: Die Wurzeln liegen weit zurück. Evolutionsbiologisch sind die Symptome Anpassungsreaktionen an eine lebensbedrohliche Situation. Angst löst Reaktionen aus, die den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereiten: Herzschlag und Atmung werden schneller, die Hände werden kalt, die Wachsamkeit steigt. Das soll kräftige Bewegungen und Ausdauer ermöglichen. Heute sind es soziale Situationen, die zu solchen Reaktionen führen, nämlich die Angst davor, sich zur Schau zu stellen, dem eigenen Anspruch nicht zu entsprechen oder sich zu blamieren.

Ist die Gesellschaft mit schuld, wenn Lampenfieber zum Problem wird? Nervosität gilt als extrem »uncool«.
Dem versuche ich entgegenzuwirken. Es ist schade, dass Lampenfieber oft problematisiert wird, anstatt es als besondere Fähigkeit des Menschen anzuerkennen. Optimal ausgeprägt sorgt es nämlich dafür, dass man bei einem Auftritt konzentrierter und ausdrucksstärker ist. Das finden viele toll. Ohne Lampenfieber würde man schlapp wirken und wäre emotional nicht so präsent. Es gehört zum Bühnenerlebnis dazu und hat etwas sehr Anziehendes. Das erklärt zum Teil auch, dass Musiker oft Come-Backs versuchen, weil sie diesen besonderen Kick vermissen.

Wenn aber ein Pianist zittert, kann sich das auch negativ auswirken.
Angespannte Muskeln und Zittern können stören. Wenn die Anspannung in Angst umschlägt, besteht die Gefahr, dass dadurch die Leistung beeinträchtigt wird. Es gibt verschiedene Grade von Lampenfieber, nämlich eine leistungsfördernde, eine leistungsbeeinträchtigende und eine leistungsverhindernde Ausprägung. Bei der letzten sprechen wir auch von Auftrittsangst. Sie führt oft zu völligen Blockaden. Manchmal werden Auftritte dann sogar abgesagt.

Kommen auch Profis zu ihnen?
Ja, sogar viele. Routine hilft nur dann, wenn sie auf positiven Erfahrungen aufbaut. Wenn sich dadurch negative Erfahrungen aber immer wieder bestätigen, braucht man einen Impuls von außen. Musiker wurden lange Zeit kaum auf Auftritte vorbereitet. Bei der Ausbildung gibt es da großen Nachholbedarf. Deshalb bieten wir an der Freiburger Musikhochschule spezielle Auftrittsseminare an. Früher haben Instrumentalisten nur fleißig in ihrem Kämmerchen geübt und gemeint, dass es dann auch mit dem Vortragen klappen muss. Ein Auftritt ist aber eine besondere Situation, für die man trainieren kann - zum Beispiel dadurch, dass man sich die Situation immer wieder vorstellt. Besonders gut vorbereiten sollte man sich auf die Anfangssequenz. Für den Auftritt sind nämlich oft die ersten beiden Minuten entscheidend.

Wie helfen Sie Patienten, die bereits an Auftrittsangst leiden?
Wir verfolgen zunächst die Biografie und schauen, wann die Angst zuerst aufgetreten ist. Meistens gibt es zwei, drei negative Erlebnisse, die die Künstler weiter mit sich herumschleppen. Außerdem spielen die Patienten mir kritische Passagen auf ihrem Instrument vor und wir überlegen, welche Techniken helfen können, um das Lampenfieber zu optimieren. Manchmal trainieren wir auch ganz konkret auf der Bühne und bereiten uns zum Beispiel durch die richtige Körperhaltung auf das Konzert vor. Hilfreich kann auch ein Video-Feedback sein, bei dem der Musiker seinen Auftritt selbst ansehen kann.

Warum?
Die Aufregung, die man selbst spürt, ist darauf meistens nicht zu erkennen. Das ist beruhigend. Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheiden sich nämlich gewaltig. Das zeigt auch folgende Geschichte: Zwei Musikerinnen kamen wegen Auftrittsangst zu mir in die Sprechstunde, ohne voneinander zu wissen. Die Behandlung unterliegt natürlich immer der ärztlichen Schweigepflicht. Eine der beiden erzählte mir, dass die andere schon immer ihr Vorbild gewesen sei, weil sie so souverän auf der Bühne wirke und solche Ängste wie sie selbst sicher nicht kenne. Für die Betroffenen ist es tröstlich zu wissen, wenn sie merken, dass sie mit ihren Problemen nicht allein da stehen. Ich glaube auch, dass durch die Etablierung unseres Fachgebiets eine Enttabuisierung stattgefunden hat.

Nehmen Profis vor Auftritten trotzdem Medikamente?
Ja, das ist ein Problem. Verlässliche Zahlen gibt es aber nicht.

Gibt es Fälle, in denen Sie solche Mittel für gerechtfertigt halten?
Wenn jemand über Jahre hinweg massive Probleme mit dem Auftreten hat, können sie helfen, um aus dem Teufelskreis herauszukommen. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, sich zu helfen - allerdings sind sie weniger bequem.

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