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DDR-Schulen in Finnland?

Rainer Domisch über das Geheimnis des finnischen PISA-Erfolgs

ND: Sie arbeiten seit etlichen Jahren an zentraler Stelle in der finnischen Schulbehörde. Als gebürtiger Deutscher kennen Sie die Bildungslandschaft in beiden Ländern sehr gut. Was ist dran an der Behauptung, das finnische Bildungssystem beruhe auf Grundlagen des DDR-Schulwesens?
Domisch: Das wird oft gesagt, stimmt aber einfach nicht. Wahr ist, dass sich die Finnen in der Bildungsdiskussion während der 1960er-Jahre bei anderen Ländern umgeschaut haben. Die polytechnische Ausbildung des DDR-Systems erschien dabei zunächst interessant. Entstanden ist in Finnland aber letztlich ein ganz neuer Ansatz.

Worin begründet sich der Erfolg des finnischen Bildungssystems?
Vom erfolgreichen Abschneiden bei der PISA-Studie waren die Finnen wohl selbst überrascht. Der Schlüssel des Geheimnisses liegt wahrscheinlich in der langfristig angelegten Bildungspolitik. Ausgangspunkt war die Diskussion in den 60er-Jahren im finnischen Parlament, die eine Schulform zum Ziel hatte, die mehr Chancengleichheit bietet. Am Ende fand sich eine breite parlamentarische Mehrheit für ein integriertes Schulwesen.

In Deutschland wird derzeit kontrovers über die Zukunft des Schulsystem diskutiert. Wie bewerten Sie diese Diskussion?
Ich kenne die Diskussion in Deutschland und wurde dazu auch befragt bzw. zu Vorträgen eingeladen. Mit einem dem finnischen System ähnlichen Ansatz reformiert gerade Mecklenburg-Vorpommern sein Bildungswesen. Den dort eingeschlagenen Weg des längeren gemeinsamen Lernens befürworte ich. Die Norddeutschen könnten damit zu Vorreitern in Sachen Bildung deutschlandweit werden.

Man sollte sich auf seinen Lorbeeren nicht ausruhen, das wissen auch die Finnen. In welchen Punkten überarbeiten die Finnen derzeit ihr Schulsystem?
Schon 1980 gab es eine Lehrplanreform, damals wurde auch die klassenlose Oberstufe mit einem Kurssystem eingeführt. 1990 gab es weitere Reformen, beispielsweise wurde die staatliche Kontrolle der Schulen abgeschafft, Kommunen und Schulen erhielten mehr Verantwortung. Und bereits jetzt wird an Rahmenlehrplänen gearbeitet, die ab 2020 greifen sollen. Das Land hat erkannt, dass die Sprachenvielfalt, sowie die Mathematik und Lesekompetenz besonders gefördert werden müssen.

Fragen: Nick Vogler
Der 60-Jährige arbeitet seit 1994 in der obersten Schulbehörde Finnlands

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