850 Namen gegen das Vergessen

Hebertshausen bei Dachau war Ort eines SS-Massakers. Jetzt erinnert eine Gedenkstätte an die Opfer

  • Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 3 Min.
Bisher erinnerte lediglich ein Gedenkstein an die namenlos gebliebenen Opfer von Erschießungen durch das NS-Regime bei Dachau. Unter den Ermordeten waren Russen, Ukrainer und Belarussen.

Jahrzehnte lag er im Schatten des Vergessens und Verdrängens. Schließlich ist er auch nicht einfach zu finden zwischen S-Bahn-Trasse und einer schmucken Einfamilienhaus-Siedlung, dieser Ort des Grauens. Der »SS-Schießplatz Hebertshausen« war von 1941 bis 1942 einer der zentralen Exekutionsorte für sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet. Gegen geltendes Völkerrecht ermordeten SS-Einheiten des Konzentrationslagers Dachau hier etwa 4500 sowjetische Gefangene. Am vergangenen Freitag wurde unter Anwesenheit des russischen und belarussischen Botschafters der neu gestaltete Gedenkort eröffnet. Der ukrainische Botschafter hatte seine Teilnahme abgesagt, stattdessen legte die Konsulin des Generalkonsulats in München einen Kranz nieder - die Krise in der Ukraine warf ihre Schatten bis nach Hebertshausen.

Unter den ermordeten Sowjetsoldaten waren Russen, Ukrainer und Belarussen. Bisher erinnerte ein Gedenkstein an das Massaker an den namenlos gebliebenen Opfern. Seit Freitag nun ist die Gedenkstätte in der Nähe des Konzentrationslagers Dachau neu gestaltet. An einem »Ort der Namen« sind Gedenktafeln für die Ermordeten in kyrillischer und lateinischer Schrift angebracht. Unter den 850 Namen findet sich auch der Name des Vaters von Eduard Sibrim. Der war drei Jahre alt, als sein Vater in den Krieg zog, jetzt ist er hierher gekommen, um an der Eröffnung teilzunehmen. Dass er Gewissheit über das Schicksal seines Vaters erhielt, geht auf die Recherchen der KZ-Gedenkstätte Dachau zurück, die in akribischer Nachforschung einige Namen der Toten herausfand. Die SS hatte angesichts ihrer Verbrechen Unterlagen vernichtet.

Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle mahnte bei der Eröffnung an, das »Vermächtnis der Opfer und Überlebenden« zu bewahren. Max Mannheimer, Präsident der Lagergemeinschaft, kritisierte, dass im angrenzenden ehemaligen SS-Wachhaus noch immer Obdachlose von der Stadt Dachau untergebracht seien.

Neu an der Gedenkstätte ist auch eine detaillierte Freiluft-Ausstellung mit Infotafeln, die über den Schießplatz aufklären. So hatte der Feldzug gegen Russland, der am 22. Juni 1941 begann, auch die »Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz« zum Ziel. Dazu wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen völkerrechtswidrig der SS unterstellt. In den Einsatzbefehlen Nr. 8 und 9 vom Juli 1941 für die Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei wird die Absicht der NS-Führung deutlich. So heißt es im Einsatzbefehl 8, das Ziel sei die »politische Überprüfung aller Lagerinsassen und weitere Behandlung«. Alle bedeutenden Funktionäre des sowjetischen Staates und der Partei, alle maßgebenden Parteifunktionäre der Kommunistischen Partei, alle Volkskommissare, ehemaligen Polit-Kommissare in der Roten Armee, alle Intelligenzler und alle Juden sollten ausfindig gemacht werden. Was nach der Aussonderung geschehen sollte, stand im Einsatzbefehl 9: Die Exekutionen sollten »unauffällig im nächsten Konzentrationslager« durchgeführt werden.

Die Massenexekutionen in Hebertshausen begannen im September 1941, nachdem die »Aussonderung« angelaufen war, die auf Denunziation und Folter basierte. Auf diese Weise ausgesondert wurden russische Kriegsgefangene aus den Lagern Hammelburg in der Rhön, Nürnberg-Langwasser, Memmingen im Allgäu, Moosburg und Stuttgart und in das KZ Dachau verbracht, von ihnen hat keiner überlebt. Die ersten Massenerschießungen fanden im KZ Dachau selbst statt, später wurden sie in den eineinhalb Kilometer entfernten Übungsschießplatz bei Hebertshausen verlegt.

Nach dem Krieg wurde das Gelände von den amerikanischen Truppen übernommen. In den fünfziger Jahren ging das Gelände an den Freistaat Bayern über und wurde vom Finanzministerium verwaltet. Der Platz verwilderte und wurde schließlich als »Wildbienenbiotop« unter Naturschutz gestellt. Erst 1997 gelang es einer Gruppe engagierter Bürger, diese staatliche Politik des Vergessens und Verdrängens aufzuhalten.

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