Gesprochen, aber nicht gelehrt

Drei Millionen Menschen in Frankreich sprechen Arabisch. Doch die zweithäufigste Sprache des Landes wird kaum oder schlecht unterrichtet. Grund dafür sind mangelnder politischer Wille und weit verbreitete Ressentiments.

  • Andrea Klingsieck
  • Lesedauer: 4 Min.

In Prunelli-di-Fiumorbo auf Korsika musste kürzlich das Sommerfest der Grundschule aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. Der Auslöser: das Lied »Imagine« von John Lennon, das für Frieden und Verständigung unter den Menschen der Welt wirbt. Zwei Lehrerinnen hatten es mit den Schülern so eingeübt, dass die Kinder die verschiedenen Strophen jeweils in einer der fünf Sprachen singen, die in dem Dorf gesprochen werden: französisch, korsisch, englisch, spanisch und - arabisch. Arabisch? Diese Idee hat einigen Eltern überhaupt nicht gefallen; sie haben Krach geschlagen und den Lehrerinnen mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht.

Mindestens drei Millionen Menschen in Frankreich sprechen Arabisch. In der Praxis ist die somit zweithäufigst gesprochene Sprache des Landes jedoch keineswegs eine Sprache wie jede andere. Es kommt fast einem politischen Akt gleich, Arabisch zu lernen. Die Rolle des klassischen Hocharabisch im französischen Schulsystem steht symptomatisch für die Lage eines Landes, das seine koloniale Vergangenheit immer noch nicht aufgearbeitet hat und mit der unterschiedlichen Herkunft der Menschen und der multikulturellen Vielfalt der Gesellschaft nur schwer umgehen kann.

Exotensprache

Englisch ist die am häufigsten in den französischen Schulen vermittelte Fremdsprache. 4,2 Millionen der 4,3 Millionen Schüler an öffentlichen Mittelschulen und Gymnasien (erste, zweite und eventuell dritte Fremdsprache zusammengenommen) lernten im Schuljahr 2013/14 diese Sprache. An zweiter Stelle steht Spanisch mit einem Anteil von 1,97 Millionen Schülerinnen und Schülern, gefolgt von Deutsch (630 000), Italienisch (195 000), Regionalen Dialekten (33 000), Chinesisch (20 300), Portugiesisch (15 000) und Russisch (11 000). Arabisch, die Herkunftssprache von vielen Einwanderern, rangiert mit 9000 Schülerinnen und Schülern am Ende der Liste. A.K.

Anders als andere Fremdsprachen wie Deutsch oder in den letzten Jahren Chinesisch ist der arabische Sprachunterricht in Frankreich nie durch die Regierung gezielt gefördert worden. In der Praxis entscheidet jeder Schulleiter selbst, ob er Arabisch als zweite oder dritte Fremdsprache anbieten will oder nicht. Die Gegenargumente sind dubios, aber zahlreich: Arabisch sei in erster Linie die Sprache einer »Gemeinschaft«, eine »Kultsprache«; ihr Erlernen sei ein Hindernis für die Integration, eine Bedrohung für die nationale Integrität; sie öffne dem Islamismus Tür und Tor und fördere Kriminalität und Kommunitarismus. »Bei diesem Thema wird alles vermischt: die arabische Sprache und der Islam, die Arabisch sprechende Bevölkerung und die Kriminalitätsstatistiken«, bedauert der frühere Oberschulrat Bruno Levallois. Deshalb scheuen sich selbst Familien mit Migrationshintergrund oft, diese Fremdsprache für ihre Kinder zu wählen, aus Angst, dies verbaue ihnen die professionelle Zukunft.

Von den mehr als vier Millionen Schülern der öffentlichen Mittelschulen und Gymnasien haben im gerade zu Ende gegangenen Schuljahr nur 7600 Schüler Arabisch als Fremdsprache gelernt, während es ein Jahr zuvor noch 9000 waren. Diese vergleichsweise geringe Zahl lässt sich auf ein im öffentlichen Schulsystem unzureichendes Angebot zurückführen. In Paris bieten nur acht Gymnasien und drei Mittelschulen Arabisch-Kurse an. In 64 der insgesamt 101 französischen Departements gibt es an keiner Mittelschule diese Fremdsprache, in 33 Departements an keinem Gymnasium. Die bestehenden Klassen konzentrieren sich häufig auf Vororte mit nur zu oft zweifelhaftem Ruf - was noch zusätzlich zur Stigmatisierung dieser Sprache beiträgt.

Dabei ist die Nachfrage groß. Neben den erwähnten 7600 Schülern an den öffentlichen Schulen lernen etwa 2000 derzeit Hocharabisch über Fernkurse der dem Bildungsministerium unterstehenden Institution CNED. Vor allem aber lernen in Frankreich Schätzungen zufolge derzeit 65 000 Kinder und Jugendliche Arabisch in meist konfessionellen Privatkursen, außerhalb des Rahmens des staatlichen Schulsystems. Alle 2300 Moscheen in Frankreich bieten Arabischkurse an und zahlreiche, meist religiöse Privatvereinigungen ergreifen dort die Initiative, wo sich der Staat aus der Verantwortung stiehlt. Diese Privatkurse haben oft kein hohes Niveau und nähren zudem verbreitete Vorurteile oder Befürchtungen. Yahya Cheikh unterrichtet Arabisch am Pariser Institut für politische Studien (Sciences Po) und engagiert sich seit Jahren für die Förderung der arabischen Sprache. Er bringt die Problematik auf den Punkt: »Diese Kurse machen aus den Schülern keine Dschihadisten, doch sie unterstützen eine gewisse Form des Bekehrungseifers. Laizität - einer der Grundwerte der französischen Republik - bleibt in diesem Unterricht vollkommen auf der Strecke.«

Historisch ist das klassische Hocharabisch untrennbar mit dem Koran verbunden und so wird die Sprache in den Moscheen und Privatkursen zum Großteil über Auszüge aus dem Heiligen Buch gelehrt. Die Herausforderung für das französische Bildungssystem besteht genau darin, die Sprache auf laizistische Weise zu unterrichten. Die Arabischkurse an den öffentlichen Mittelschulen und Gymnasien beziehen sich nie auf den Koran, doch sind sie nicht zahlreich genug, um die Nachfrage zu decken. »Das französische Bildungssystem hat die Gelegenheit versäumt, aus dem Arabisch-Unterricht einen Vorzeigefall für laizistische Wissensvermittlung zu machen«, bedauert die Arabisch-Lehrerin Brigitte Trincard-Tahhan. »Wir hätten es wagen müssen, Arabisch wie eine Elitesprache zu behandeln, so wie beispielsweise Latein.«

Bezeichnenderweise sind es heute vor allem perfekt integrierte Jugendliche mit Migrationshintergrund, die das Bedürfnis verspüren, sich mit der Kultur ihrer Vorfahren vertraut zu machen. Dies umso mehr, als dass die arabische Sprache innerhalb dieser Familien immer seltener weitergegeben wird.

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal