Als Luxemburg die Freiburger beschwor

Gedenktafel an 7. März 1914 gefordert - Grüne dagegen

  • Dirk Farke, Freiburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie wohl in den meisten deutschen Städten finden sich auch in Freiburg im Breisgau zahlreiche Helden- und Ehrenmale für gefallene deutsche Soldaten. Auch in Freiburg kommt kaum eine Touristengruppe an solchen kriegsverherrlichenden Denkmälern vorbei. Rüdiger Binkle hingegen ist einer der historischen Stadtführer, der eine etwas andere Stadtführung durchführt: Gewissermaßen eine Stadtführung von unten, die auch an die Kämpfe der Arbeiterbewegung, an die Leiden der Menschen in den historischen Schlachten und Weltkriegen erinnert. Und vor allem auch an den Widerstand gegen Kriegsverherrlichung und Kriegspolitik.

Vor nicht allzu langer Zeit erinnerte der Pädagoge bei einer Stadtführung vor dem »Heldendenkmal« im Stadtgarten daran, dass am 7. März 1914 genau an dieser Stelle Rosa Luxemburg eine flammende Rede gegen den bereits am Horizont heraufziehenden Kriegssturm hielt. Sie sprach damals vor rund 4000 Menschen - die Stadt Freiburg zählte 1914 gerade mal 75 000 Einwohner - und versuchte, den Freiburgern die Augen dafür zu öffnen, dass es ein Verbrechen sei Kriege zu führen.

Von einer Teilnehmerin der Stadtführung wurde Binkle damals gefragt, warum sich an jener Stelle kein Hinweis an die Mahnerin zu Frieden und Völkerfreundschaft finde. Binkle gab die Frage an die Gemeinderatsmitglieder der Unabhängigen Listen weiter und startete gleichzeitig eine Unterschriftenaktion. Die siebenköpfige Gemeinderatsfraktion begann unverzüglich, um Unterstützung bei den übrigen Fraktion zu werben.

Während Renate Buchen, Chefin der SPD-Fraktion, wohl grundsätzlich Zustimmung signalisierte - schließlich sei die Veranstaltung mit Rosa Luxemburg damals von der SPD initiiert worden -, gab es von den erzkonservativen Freiburger Grünen eine klare Ablehnung.

Marie Viethen, Fraktionschefin der aus elf Mitgliedern bestehenden Mehrheitsfraktion, begründete im Namen der Grünen in einem Brief an Lothar Schuchmann, Gemeinderatsmitglied der Linken Liste - Solidarische Stadt, ihre Absage folgendermaßen: Eine Gedenktafel für Luxemburg sei »ein starker Kommentar zur aktuellen Politik«. Zudem sei eine solche Gedenktafel missverständlich. Die »historische Person« Luxemburg werde sehr stark von der Partei Die LINKE vereinnahmt, einer Partei, die im Bundestag vor allem durch außenpolitische Positionen auffalle, die »jenseits aller humanitären Verantwortung stehen«. »Mit einer solchen politischen Haltung soll Freiburg nicht in Verbindung gebracht werden«, polemisierte Viethen.

Mit einer Reihe von Veranstaltungen versuchen nun die Partei Die LINKE, die Unabhängigen Listen, das Rüstungsinformationsbüro und weitere Organisationen die Bevölkerung für das Projekt zu sensibilisieren. Es geht darum, dass künftig auch Kriegsgegner- und -gegnerinnen eine Erinnerungstafel in Freiburg bekommen - trotz grüner Mehrheitsfraktion. Den Auftakt bildete in dieser Woche eine Veranstaltung mit der Freiburger Historikerin Birgit Heidtke und dem 1916 geborenen Professor Theodor Bergmann aus Stuttgart über die Aktualität der Gedanken Rosa Luxemburgs.

Die Rede Rosa Luxemburgs vom 7. März 1914 in Freiburg ist abgedruckt in, R. L., Gesammelte Werke, Bd. 3, Seiten 414-424.

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