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  • Reportage - Berlin Schöneberg-Tempelhof

Lehrjahre mit Kind und Kegel

Überall in Deutschland nahmen in den letzten Wochen junge Menschen eine Ausbildung auf. Unter dem Motto »Zukunft für 2« können in Berlin erstmals auch alleinerziehende junge Mütter Handwerksberufe in Teilzeitausbildung erlernen.

Eigentlich wollte Julia Welk nach dem Hauptschulabschluss Kfz-Schlosserin werden. Mit den Händen arbeiten wollte sie schon immer. Mehrere Jahre und hunderte von Bewerbungen später sieht sich die 21-Jährige in einer neuen Situation. Aus einer Ausbildung ist bisher nichts geworden, aber in der Familienplanung ist Julia Welk vorangekommen. Das Kind kam keineswegs überraschend: »Es ist ein Wunschkind«, betont die stolze Mutter. Als Frau einen Ausbildungsplatz in der Kfz-Branche zu bekommen war nicht möglich. Als junge Mutter ist die Situation nicht leichter. Den noch immer vorhandenen Wunsch nach einer Ausbildung muss sie nun auch mit der Betreuung ihrer 16 Monate alten Tochter zusammenbringen. Noch wird das Kind vom Vater betreut. Doch wenn dieser Anfang nächsten Jahres eine Arbeit aufnimmt, wird die kleine Xena-Sophie ganztägig in die Kita gehen. Julia Welk wird dann schon voll in ihrer Ausbildung zur Maßschneiderin sein.

Sicherung des Familieneinkommens
Zusammen mit anderen jungen Müttern ist Julia Welk in der dritten Phase eines neuen Projekts, das eine »Zukunft für 2« verspricht. Im AKC e. V. in Berlin-Schöneberg durchlaufen vier Frauen im Rahmen dieses Projekts eine Berufsvorbereitung für die Ausbildung zur Maßschneiderin. Über das Jobcenter Tempelhof-Schöneberg wurden sie vermittelt und haben sich nach einem einwöchigen Assessment auf einen der angebotenen Berufe festgelegt.
Die 24-jährige Dilek Yilmaz ist noch gerade so auf den Zug aufgesprungen. Auf die Umsetzung ihres Plans, den Realschulabschluss nachzumachen, hat sie aus Altersgründen verzichtet. Wer bei LiLA die »Zukunft für 2« anpeilt, darf nicht älter als 25 Jahre alt sein. Das Angebot des Jobcenters bekam sie gleich nach Beendigung des zweijährigen Erziehungsurlaubs. Wie auch die anderen Frauen hat sie nach dem Einstieg in das Projekt »Zukunft für 2« die Zusage für einen KITA-Platz mit voller Betreuungszeit bekommen. Bei der Regelung dieser wichtigen Angelegenheit bekommen die Frauen auch Unterstützung. In der Berufsvorbereitung, die bis zu acht Wochen dauern kann, können sich die Frauen vor allem auf die neue Alltagssituation einstellen. Die veränderten familiären Abläufe sollen genau so getestet werden wie die fachlichen und zeitlichen Anforderungen der Ausbildung.
Eine qualifizierte Ausbildung ist die Grundlage für eine eigenständige berufliche Entwicklung und die Sicherung des Familienunterhalts. In der betrieblichen Ausbildung ist jedoch meist kein Platz für junge Mütter, die einen anderen Zeitbedarf und andere Zwänge haben. Im Projektverbund »LiLA« bieten drei Vereine erstmals in diesem Jahr eine Teilzeitausbildung an. Das Konzept soll auch jungen Müttern ermöglichen, eine Berufsausbildung zu machen. Anfang 2005 taten sich der AKC e. V. LIFE e. V. und LiSA e. V. zusammen. Gemeinsam sah man größere Chancen, das Projekt zu etablieren. Die drei Vereine bilden seit Jahren vor allem junge Frauen aus, um ihnen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bieten. Dem vorhandenen Angebot der Berufsausbildung von meist sozial benachteiligten oder marktbenachteiligten jungen Frauen wird nun ein weiterer Baustein hinzugefügt. Für einige der Frauen ist es eher eine »Zukunft für 3«. Obwohl sie verheiratet sind oder mit einem Partner zusammenleben, wurden sie ins Programm aufgenommen. Nicht nur alleinerziehende junge Mütter stehen vor großen Problemen, wenn es darum geht, eine Berufsausbildung zu machen. Viele junge Frauen verzichten auf ihre Ausbildung, weil es finanziell und zeitlich nahezu unmöglich ist, dies mit der Arbeit des Partners zu vereinbaren. Zeit ist es, was den jungen Frauen fehlt, um eine Ausbildung abzuschließen. Das wurde schnell deutlich, als sich die ersten Kandidatinnen meldeten. Bei »Zukunft für 2« werden die Gesamtausbildungszeiten für die betreffenden Frauen verlängert. So werden die Maßschneiderinnen erst nach dreieinhalb Jahren statt üblicherweise drei Jahren ihre Abschlussprüfungen vor der Handwerkskammer machen. Auch in den anderen angebotenen Berufsrichtungen wird jeweils ein halbes Jahr angehängt. Durch eine Kernarbeitszeit wird sichergestellt, dass die Frauen zu bestimmten Zeiten anwesend sind. Die Zeit davor und danach können sie sich individuell so einteilen, dass sie auf die geforderten 30 Wochenstunden kommen.
Viel Lobbyarbeit ist nötig, um das Projekt ins Rollen zu bringen. Sowohl für die Finanzierung, als auch für die behördlichen Rahmenbedingungen mussten die Projektleiterin Anja Wolff und ihre Kolleginnen offene Türen und Ohren suchen. Bei der Handwerkskammer läuft das unproblematisch. Nach der Novellierung des Berufsausbildungsgesetzes im Jahr 2005 sind neue Möglichkeiten für zeitmodifizierte Ausbildungsgänge gegeben. Von dieser Seite ist das Projekt abgesichert und die jungen Frauen werden einen anerkannten Abschluss erwerben.

Schwierigkeiten mit den Arbeitsagenturen
Schwieriger ist es für Anja Wolff Jugendämter und Jobcenter zusammenzubringen, die für die Kandidatinnen zuständig sind. Trotz politischer Bekundungen sieht Anja Wolff in ihrer täglichen Arbeit die strukturellen Probleme in diesen Behörden und Agenturen als hinderlich für die gemeinsame Finanzierung und Durchführung solcher Ausbildungsprojekte: »Da ist im Zuge der Einrichtung der Jobcenter einiges an funktionierenden Strukturen verloren gegangen.« Wolff bedauert, dass langjährige Beziehungen und auch Wissen wieder neu aufgebaut werden müssen: »Die neuen Sachbearbeiter in den Jobcentern kennen die Träger von Ausbildungsprojekten gar nicht. Wir fangen da wieder von vorne an.«
Nicht nur die Ausbildungsplätze müssen finanziert werden. Auch die Auszubildenden müssen finanziell versorgt werden. Angestrebt wird hier ein Kombimodell, bei dem eine Ausbildungsvergütung von Projektseite gezahlt wird. Da diese jedoch nur zwischen 282 Euro im ersten Lehrjahr und 325 Euro im vierten Lehrjahr liegen soll, müssen zusätzliche Leistungen kommen, beispielsweise aus der Berufsausbildungsbeihilfe (BAB). Hier sieht Anja Wolff gerade für die Anfangsphase Probleme. Während der Berufsvorbereitung steht den Frauen noch ALG II zu. Die komplizierte und langwierige Beantragung der BAB könnte dazu führen, dass einige Frauen vorübergehend in ein Versorgungsloch fallen. Um dem vorzubeugen sucht die Projektleiterin noch nach Geldgebern, um einen Fonds einzurichten, aus dem die jungen Mütter in der Anfangsphase finanziell unterstützt werden können.
In der Werkstatt haben sich die Frauen offensichtlich gut eingelebt und trotz anderer Berufswünsche in der Vergangenheit geht das Schneiderhandwerk schon erstaunlich gut von der Hand. Dilek Yilmaz präsentiert mit Stolz ihre Mappe mit den Übungsstücken. Nicht ohne zu erwähnen, wie schwer manche Aufgaben waren. Die 19-jährige Yvonne Böhme würde das orangefarbene Kleid, das sie gerade näht, am liebsten für ihre fast drei Jahre alte Tochter mitnehmen.

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