Neuer Thron fürs Rotwild

Wie der Rothirsch aus dem Wald gelockt werden soll

Manche sehen in ihm ein »elitäres Lustobjekt« für Trophäen-Jäger, die nach verbreitetem Klischee nicht ruhen, bis sie das Geweih eines Vierzehnenders an die Wohnzimmerwand nageln können. Andere halten ihn für einen »großen, braunen Rindenfresser«, der nimmersatt unsere Wälder ruiniert.
Haymo Rethwisch, Gründer der Deutschen-Wildtier-Stiftung, hat eine Vision: dass nämlich der Rot-hirsch zum »Lieblingstier der Deutschen« aufsteigt; dass er endlich auch außerhalb der Jägerschaft eine Lobby bekommt; dass er nicht länger als Waldschädling gesehen wird; und dass er wieder so leben kann, wie er möchte - nämlich außerhalb dichter Wälder. »Der vermeintliche König des Waldes braucht einen neuen Thron«, fordert Rethwisch. Diesen Thron darf der Rothirsch hier zu Lande fast nirgends besteigen: Von Natur aus ist er eher ein Bewohner des locker bewaldeten Halboffenlandes, wo ausladende Geweihe auch weniger behindern. Doch in seinem Landhunger hat der Mensch das imposante Tier zunächst in die Bannwälder des Adels, später in künstliche Forsten verdrängt, damit die Äcker unbehelligt bleiben. In den noch immer viel zu naturfernen Wäldern hat er ihm bundesweit rund 140 amtlich festgelegte Rotwildgebiete zugewiesen, die auch »Bewirtschaftungsbezirke« heißen und 35 bis 2300 Quadratkilometer umfassen. Darin darf der Großhirsch beispielsweise durch Wildfütterungen gehegt und jedes Jahr in bestimmter Stückzahl durch Abschuss geerntet werden. Außerhalb dieser Gebiete wird der Rothirsch meist nicht geduldet - und sofort geschossen. Allerdings verfahren die Bundesländer hierin inzwischen nicht mehr einheitlich. So hat zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern niemals Rotwildgebiete ausgewiesen. Und im kleinen Saarland wird seit zwei Jahren nicht mehr zwischen rotwildfreien und Rotwildgebieten unterschieden. Viel restriktiver verfährt dagegen Baden-Württemberg. Dort muss jeder Rothirsch geschossen werden, der die oftmals kleinen, sehr zersplitterten Rotwild-Bezirke verlässt. Im vermeintlichen »Muschderländle«, das in diesem Punkt alles andere als beispielhaft ist, darf der Rothirsch nur etwa vier Prozent des Gebiets durchstreifen. Das ist schon deshalb gegen die Natur der Tiere, weil die paarhufigen Wiederkäuer gerne auf so genannten Fernwechseln wandern würden, etwa um von ihren Sommer- zu den Wintereinständen zu gelangen. Junghirsche suchen sich dabei auch neue Rudel, um die sie buhlen können. Doch allerorten hat der Mensch Hindernisse aufgestellt, manche davon heißen Wildschutzzäune, »obwohl sie eher Autofahrer schützen sollen«, wie der Dresdner Wildökologe Sven Herzog sagt. Ausgewiesene Rotwildgebiete sind obendrein nur lückenhaft von Hirschen besiedelt, zum Teil sogar längst rotwildfrei. Den Tieren geht die mindestens sechsmonatige Knallerei während der Rothirsch-Jagdzeit von August bis Ende Januar nämlich mächtig auf die Nerven - so sehr, dass sie in verbotenes oder weniger bejagtes Gelände abwandern, wo sie dann so massiert auftreten, dass die Hirsche mangels Alternative Baumschösslinge anknabbern (»verbeißen«) und die Rinde großer Bäume abschälen. Der heftige Jagddruck, aber auch Wanderer, Jogger und Querfeldein-Radler haben den eigentlich anpassungsfähigen und zutraulichen Rothirsch scheu gemacht. So ist er vom tag- zum nachtaktiven Wild geworden, das sich nicht mehr ins Offenland wagt, sondern im Dickicht verborgen bleibt und hungrig den Wald von morgen vertilgt. Kuriose Folge: Obwohl es mancherorts viele Hirsche gibt, bekommen Spaziergänger sie kaum je zu Gesicht. Damit das Rotwild seine übergroße Scheu verliert und seine Einstände im dichten Forst verlässt, fordern viele Fachleute, die Jagdzeiten deutlich zu verkürzen. Zurzeit können ausgewachsene Tiere sechs Monate, jüngere sogar bis zu neun Monate lang geschossen werden. So kommt das Wild kaum zur Ruhe. »Strecke machen in kurzer Zeit ist für das Rotwild viel besser«, rät Helmuth Wölfel, der sich an der Universität Göttingen mit artgemäßen Bejagungsmethoden beschäftigt. Das würde allerdings nicht nur Drück- oder Treibjagden statt der üblichen Jagd vom Hochsitz aus erfordern. Es geht »auch nicht mit den herkömmlichen Jägern«, sagt der Wildbiologe Professor Wolfgang Schröder vom Wissenschaftszentrum der TU München in Weihenstephan. Routinierte, selbstbeherrschte Schützen seien hierzu erforderlich, die reaktionsschnell sicher zielen und die Geschlechter und Altersstufen beim Rotwild rasch unterscheiden können. Manche Experten fordern sogar eine auf wenige Monate, Wochen oder gar Tage befristete Jagd - etwa so, wie es in Nationalparks wie dem in der Eifel vorgesehen ist. Zu dieser Gruppe gehört Ulrich Wotschikowsky, Forstwissenschaftler und ausgewiesener Rotwild-Kenner. Der Jäger aus Leidenschaft wendet sich zudem dagegen, Rotwild mit Futter zu Abschussplätzen zu locken, und nennt diese als Kirrung bezeichnete Praxis »die Eiterbeule im Rotwild-Management«. Jäger, die einen Treffer landen wollten, müssten nämlich »mehr kirren als der Nachbar«. Das habe das Anlocken zu einer Art Sommerfütterung ausarten lassen. Wenn Haymo Rethwisch seine Vision vom »Rothirsch als Lieblingstier« in Vorträgen vorstellt, zeigt er gerne Dias vom »Tal der Hirsche«, einem Teil von Rethwischs Forschungsstation Gut Klepelshagen in Vorpommern. Dort hat das Rotwild das rund zehn Quadratkilometer große Offenland schon zurückerobert und ist für die Menschen sichtbar geworden. In einer Talmulde mit Feldern grasen größere Hirschrudel unbekümmert - ein so ungewohnter Anblick, dass sich sofort der Verdacht aufdrängt, es handele sich um eine Nutztierherde. Doch die Hirsche sind wild. Sie durften bloß wählen, wo sie leben wollen.

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