Libyen - ein Staat am Abgrund

Die Ernüchterung nach der »Revolution« und die katastrophalen Folgen des bestehenden Machtvakuums

  • Von Mirco Keilberth, Tripolis
  • Lesedauer: 7 Min.
In Libyen werden die Städte von rivalisierenden Milizen kontrolliert, während zwei Parlamente und Regierungen die Macht für sich beanspruchen. Unter UNO-Ägide finden Friedensverhandlungen statt.

Ein dumpfer Knall. Die Gespräche im Straßencafé gegenüber des Mehari-Hotels verstummen. Die Männer vor Wasserpfeifen und Kaffeetassen schauen sich an und horchen. War dies eine Autobombe, eine Hochzeit oder der Auftakt zu einem Gefecht zwischen Milizen?

Explosionen oder Schüsse sind auch an einem Nachmittag in der libyschen Hauptstadt Tripolis nichts Ungewöhnliches. Meist sind es jedoch Hochzeitsgesellschaften, die Chinaböller oder Silvesterraketen über die Köpfe der Tripolitaner fliegen lassen. Beerdigungen ausgenommen, treffen sich die libyschen Großfamilien sonst nur noch bei Trauungen.

Während ein Mann im Anzug die Zigaretten vom Boden aufsammelt, die ihm vor Schreck aus der Hand gefallen sind, heulen im zwei Kilometer entfernten Bezirk Daha die Alarmanlagen mehrerer Autos. »Eine Autobombe. Vor dem Hauptquartier von Mellitha«, bestätigt Mohamed mit Handy am Ohr die ersten Vermutungen an den Nachbartischen.

Das war bereits der zehnte Anschlag auf ausländische Diplomaten oder Firmen in diesem Jahr. In den Cafés wird nicht mehr offen über die Hintergründe diskutiert wie direkt nach dem Kriegsende vor vier Jahren. Die Angst vor Entführungen geht um. Wer kritische Kommentare über die neuen Machthaber wagt oder viel Geld auf dem Konto hat, riskiert sein Leben oder das seiner Kinder, sagt Mohamed, der seinen Nachnamen nicht gedruckt sehen will.

Zur Erklärung seiner Vorsicht zeigt der 50-Jährige das Bild eines verschwundenen Jungen auf seinem Smartphone. Der Zwölfjährige wurde vor zwei Monaten auf dem Weg zur Schule entführt. Oft würden normale Verbrecher auf politisch Andersdenkende angesetzt, sagt ein älterer Herr leise, als er das Bild des Jungen sieht. Die steigende Kriminalität kommentiert er mit einem Kopfschütteln. »Vor der Revolution konnten sogar Frauen nachts alleine durch die Straßen gehen.«

Auf die Frage, wer denn Schuld an dem Chaos sei, blickt er wortlos auf die andere Straßenseite. In dem 200 Meter entfernten Mehari-Hotel hat sich die islamistische Szene Libyens eingenistet.

Vor einem Jahr entschlossen sich die Milizen der langjährigen militanten Anti-Gaddafi-Opposition zum Sturm auf die Hauptstadt. Für Abdulhakim Belhadj und Khaled Sherif von der »Libysch-Islamischen Kampfgruppe« erfüllte sich mit der Revolution von 2011 ein lang gehegter Traum, für den sie sich in den 90er Jahren mit Osama bin Laden verbündet und in Afghanistan gekämpft hatten. Ihr Ziel war es, Staatsführer Muammar al-Gaddafi zu vertreiben und aus Libyen die »Tankstelle und Bank« einer Kalifatsbewegung zu machen, sagt Mohamed und zieht an seiner Wasserpfeife.

Doch mit der Wahl eines von Antiislamisten und ehemaligen Funktionären dominierten Parlaments im Sommer 2013 stand ihr Projekt auf dem Spiel. Die Wähler hatten schlichtweg genug von der Willkür der in den Straßen von Tripolis patrouillierenden Milizen.

Als die internationalen Diplomaten zu Beginn des Ramadans in Urlaub gingen, schlugen die »Fajr«-(Morgendämmerung)-Milizen zu. »Nicht ohne ihre amerikanischen Freunde zu fragen«, gibt Mohamed eine der vielen Verschwörungstheorien zum besten, die in Libyens Cafés Hauptgesprächsthema sind.

Der Fajr-Anführer Salah Badi ließ die ehemaligen Mitstreiter aus der Wüstenstadt Zintan von oft kaum Volljährigen beschießen. Es heißt, die Jungs erhielten umgerechnet bis zu 3000 Euro Sold. Der 18-jährige Amir Hassan hatte 2011 noch voller Neid erlebt, wie seine beiden älteren Brüder in nur drei Tagen des Kampfes gegen Gaddafis Armee zu Helden von Mansoura wurden. In dem ärmlichen Stadtteil war man vor allem über die zahlreichen Zwangsenteignungen entsetzt, mit denen Gaddafi seine Stadt in Bab Al Aziziya erweitert hatte.

Die Freude über das Fallen der acht Meter hohen Mauern, mit denen Gaddafi sich gegen Angreifer schützte, währte nicht lange. In Bab al-Aziziya übernahmen bald Drogenbarone die Kontrolle. Mal sperrten Milizen aus Zintan, mal aus Misrata das Gelände ab und durchsuchten es nach angeblichen Goldverstecken der Gaddafi-Familie.

Als Amir auch nach vier Jahren keinen Job hatte, schloss er sich Salah Badis Fajr-Truppe an, »um meiner Familie zu zeigen, dass ich nicht nutzlos bin«, wie er sagt. Gegen die Zintanis hätte er eigentlich nichts, sie hätten doch vor vier Jahren geholfen, Mansoura zu befreien.

»Wir wären Opfer der Milizen geworden, egal von welcher Seite«, rechtfertigt sich Ali Tekbali. Der Ingenieur stammt aus der Altstadt von Tripolis und ist nun Abgeordneter jenes Parlaments, das im 1100 Kilometer östlich gelegenen Tobruk tagt. In amerikanischem Englisch erzählt er am Telefon, dass er in Tripolis nicht mehr sicher sei, seitdem die »Bärtigen« die Macht übernommen hätten.

Auf einem seiner Plakate zur ersten Parlamentswahl 2012 ist ein Mann abgebildet, der Jugendliche zum Studieren auffordert - nicht des Korans, sondern an der Universität. Islamisten warfen dem Neupolitiker vor, damit den Propheten verunglimpft zu haben, den sie auf dem Plakat zu sehen glaubten. Eine Kampagne von Amnesty International rettete den Familienvater vor der Todesstrafe.

Nun hält er sich per Telefon über die Lage in Tripolis auf dem Laufenden. Die Lage ist im Osten wie im Westen des Landes gleichermaßen schlecht.

Sein Freund Mohamed im Café vor dem Mehari-Hotel berichtet über Stromausfälle und den täglich sinkenden Wert des Dinars. Die Gehälter werden unregelmäßig ausgezahlt, und wenn, reicht das Geld oft trotzdem nicht bis zum Monatsende.

Wer es sich leisten kann, ist schon lange nach Ankara, Kairo oder Tunis umgezogen. 400 000 Libyer haben inzwischen die rund ein Dutzend Kampfgebiete im Land verlassen, an denen unabhängig voneinander immer wieder Gefechte ausbrechen. In den Cafés der Altstadt von Tripolis fand man früher bis in die späte Nacht kaum einen Sitzplatz. Abends und am Wochenende gleicht Tripolis nun einer Geisterstadt.

Angst begleite ihn bei jeder Fahrt, sagt Jibril Raid. Er steuert seinen Jeep über die Landstraße in das 200 Kilometer entfernte Misrata. An Kontrollpunkten winken die Milizionäre der Fajr-Libya-Allianz durch, sobald sie ein bekanntes Gesicht sehen. Die Stimmung ist gereizt. Zuletzt sprengte sich in Dafnia ein Anhänger des Islamischen Staates (IS) in die Luft. Auf seinen Websites behauptet der IS selbst, mehr als ein Dutzend Selbstmordattentäter in die Stadt geschmuggelt zu haben. Der Schock, dass die militärisch stärkste Stadt Libyens nicht mehr sicher ist, sitzt tief. Jibril Raid stand während der Revolution auf Gaddafis Todesliste, da der wohlhabende Joghurtfabrikant die Rebellen unterstützte.

Seit der IS im 100 Kilometer westlich gelegenen Sirte ein Terrorregime führt, sind die ehemaligen Revolutionäre aus Misrata in seinem Visier. Die Jugend in Sirte sinnt auf Rache. Unter welcher Flagge die aus dem neuen Libyen ausgeschlossenen Jugendlichen ihren Platz zurückerobern - Gaddafis Grün oder IS-Schwarz - ist vielen gleichgültig.

Vor dem »Al-Nasseem«-Werksgelände harken Migranten aus dem Süden Afrikas den grünen Rasen. Täglich kommen Hunderte aus dem Landesinneren an die Küste. Von den Stränden außerhalb der Stadt starten jede Nacht Boote ins Ungewisse. Der Nachschub an Kähnen kommt mit Containerschiffen aus China in den großen Industriehafen Misratas.

Die westlichen Diplomaten setzen bei ihren Bemühungen um Waffenruhe auf Misratas Unternehmer wie Raid Jibril, denn deren Geschäft liegt kriegsbedingt am Boden. Obwohl die Milizen aus Misrata nach der Revolution mit der Zerstörung der Städte Tawarga und Sirte das Land praktisch in einen zweiten Bürgerkrieg gestürzt hatten, sollen Männer wie Mohamed Lasan den IS auf- und die Migranten von Europa fernhalten.

Auf der Straßenkreuzung, an der Schwarzafrikaner ihre Dienste als Tagelöhner anbieten, begrüßt der Kommandeur der Brigade 166 den Joghurtfabrikanten. »Jeder kennt jeden hier«, sagt Raid lächelnd. Die Brigade 166 musste sich aufgrund von Munitionsmangel aus Sirte zurückziehen, teilt der 33-Jährige ernst mit. Er gibt sich gar nicht erst Mühe, die Lage schön zu reden.

»Der IS hat im Machtvakuum, das wir geschaffen haben, Fuß gefasst. Es spielt keine Rolle, ob unter der schwarzen Flagge nun Ex-Gaddafi-Anhänger oder ausländische Dschihadisten kämpfen. Während andere sich um ein Ende des zweiten Bürgerkriegs bemühen, bereiten jene Leute einen dritten Krieg vor. Das ist entscheidend.« Lasan schaut über die Trümmer, die auf dem Weg nach Sirte links und rechts der Straße zu sehen sind. Der Kreislauf der Rache müsse ein Ende haben, sagt er leise.

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