Das Stubenhockersyndrom

Wer nicht kurzsichtig werden möchte, braucht viel helles Licht und weniger Arbeitszeit am Computerbildschirm

Britische Mediziner von der Universität Cardiff fanden heraus, dass das Risiko, kurzsichtig zu werden, für Erstgeborene deutlich höher ist als für jüngere Geschwister.

Lange galt es als ausgemacht, dass es erhebliche Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung haben würde, ob man als Einzelkind oder aber mit jüngeren oder älteren Geschwistern aufwächst. Erstgeborene, so hat man immer wieder behauptet, wären in der Regel viel ehrgeiziger, beharrlicher, gewissenhafter und pflichtbewusster als ihre jüngeren Geschwister, wohingegen für Nesthäkchen Eigenschaften wie Egoismus, Hedonismus, Labilität und Unentschlossenheit typisch wären. Die wissenschaftliche Forschung hat mittlerweile zutage gefördert, dass es sich bei solchen Annahmen um nichts weiter als wilde Spekulationen handelt. Doch jetzt sind britische Mediziner auf einen verblüffenden Zusammenhang gestoßen. Der Augenarzt Jeremy Guggenheim und seine Kollegen von der Universität Cardiff haben herausgefunden, dass das Risiko, kurzsichtig zu werden, für Erstgeborene deutlich höher ist als für diejenigen, die später auf die Welt gekommen sind. Die Wissenschaftler berichten darüber im Fachjournal »Jama Ophthalmology«.

Guggenheim analysierte mit seinem Team die Gesundheitsdaten von 90 000 britischen Frauen und Männern, die zwischen 40 und 69 Jahre alt waren. Dabei kam heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, früher oder später kurzsichtig zu werden, für die Ältesten in einer Geschwisterfolge um 10 Prozent erhöht ist, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann an starker Kurzsichtigkeit leiden, sogar um 20 Prozent steigt. Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit, später an Kurzsichtigkeit zu leiden, für Zweitgeborene entsprechend geringer, bei Drittgeborenen noch geringer, usw.

Doch warum sollte sich eine bestimmte Position in der Geburtenreihenfolge schädlich auf die Augen auswirken? Die Cardiffer Mediziner haben hierfür zumindest eine vorläufige Erklärung. Sie vermuten, dass Eltern bei der Erziehung ihres ersten Kindes oft von der Angst geplagt werden, dass es in der Schule versagen könnte, wenn sie etwas falsch machen. Deswegen neigen sie dazu, es ständig zu beaufsichtigen, ihm nur wenige Freiheiten zu lassen, schlechte Leistungen zu bestrafen und alles zu unternehmen, um es dazu zu bringen, regelmäßig intensiv zu lernen. Solche rigorosen Erziehungsmethoden können allerdings auch die Bildung stubenhockerischer Gewohnheiten nach sich ziehen - und Kurzsichtigkeit wird, wie man inzwischen weiß, im Wesentlichen durch Stubenhockerei hervorgerufen. »Der stärkere Fokus auf die Bildung der erstgeborenen Kinder setzt diese möglicherweise eher den Umweltfaktoren aus, die eine Kurzsichtigkeit fördern, wie beispielsweise mehr Naharbeiten und weniger Zeit in der frischen Luft«, schreiben Guggenheim und seine Kollegen.

Schon seit einiger Zeit ist bekannt, dass Kinder und Jugendliche desto weniger dem Risiko ausgesetzt sind, kurzsichtig zu werden, je mehr Zeit sie im Freien verbringen. Man vermutet, dass die Helligkeit des Tageslichts - an einem sonnigen Tag kann die Lichtstärke ohne Weiteres 30 000 bis 40 000 Lux betragen - hierbei eine Schlüsselrolle spielt. Durch helles Licht wird in der Netzhaut die Produktion des Botenstoffs Dopamin angekurbelt. Der hemmt das Wachstum des Augapfels. Den Augapfel daran zu hindern, übermäßig zu wachsen, ist jedoch erforderlich, da jeder Millimeter Überlänge das Auge um etwa 2,7 Dioptrien kurzsichtiger macht.

Eine ganze Reihe von Indizien sprechen dafür, dass Kinder und Jugendliche desto mehr Gefahr laufen, kurzsichtig zu werden, je öfter sie aus extrem kurzem Abstand (d.h. weniger als 30 Zentimeter) lesen und je länger und intensiver sie auf die Bildschirme von Computern und Smartphones starren. Warum das so ist, ist nach wie vor nicht geklärt. Aber anscheinend führt ständiges Nahsehen zu einer Überbeanspruchung der Augenlinsen, was wiederum ein übermäßiges Wachstum des Augapfels auslöst.

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