Nur Elefanten riechen Wasser

Botsuana - wo Regen wie ein guter Freund sehnsüchtig erwartet wird. Von Michael Juhran

Goldgelb sendet die Sonne ihre letzten warmen Strahlen über die karge Savannenlandschaft der Kalahari. Das Rotbraun, Gelb, Grau und Ocker trockener Pflanzen auf staubigem Boden dominiert die Flora, die auf das Einsetzen der Regenzeit wartet. Hier, in dieser scheinbar lebensfeindlichen Umgebung trifft man auf die Nachkommen der Urbevölkerung des südlichen Afrikas: die San. Einige von ihnen begleiten eine Gruppe deutscher Touristen durch die Savanne. Schon die Begrüßung in der von unterschiedlichsten Klicklauten geprägten Sprache stimmt auf eine Exkursion der besonderen Art ein. Die kläglich scheiternden Versuche der Touristen, sie nachzuahmen, sorgen für Heiterkeit auf beiden Seiten und lassen das Eis schnell schmelzen.

Gemeinsam geht es in den Busch, in dem ein Mitteleuropäer zunächst nicht viel mehr als verdorrtes Gras und vermeintlich nutzloses Gebüsch entdeckt. Doch die San wissen es besser. Schon nach wenigen Schritten im lockeren Wüstensand beginnt Dusa, einer der Einheimischen, mit seinem Stock zu graben und fördert eine Wurzel zutage, die bei Kopfschmerzen und Migräne zum Einsatz kommt. Sein Freund Masie zieht eine weitere Wurzel aus dem Boden, die bei scheinbarer Unfruchtbarkeit Wunder bewirken soll. Einem englischen Ehepaar konnte damit bereits geholfen werden, behauptet er. Andere Wurzeln und Sprösse werden verwendet, um Magenschmerzen und Wunden zu heilen.

Die San wissen genau, unter welchen Bäumen sie nach Wasser graben müssen, um ihre Behälter aus Straußeneiern zu füllen. Und ihre hungerstillende Sukkulente »Hoodia Gordonii« findet seit einigen Jahren als Schlankheitsmittel in Europa Verwendung. Und ganz sicher würde der Erfahrungsschatz der San noch viele Therapeutika für die Menschheit hergeben, wenn man den seit mehr als 20 000 Jahren hier lebenden Ureinwohnern mehr Achtung und Aufmerksamkeit zukommen ließe.

Weißgrauer Staub bedeckt in der Dürrezeit die ausgedorrte Landschaft. Und dennoch lebt gerade Maun, die 60 000 Einwohner zählende Stadt mittendrin, vom Wasser. Sie ist das Eingangstor zum nahe gelegenen Okawango-Delta, dem Tierparadies und Tourismusmagneten Botsuanas. Riesige Tierherden ziehen in der Trockenzeit auf der Suche nach Wasser in dieses Delta. Und mit ihnen die Touristen. »Fast jeder hier lebt irgendwie vom Fremdenverkehr«, sagt Oni, die einheimische Begleiterin, und berichtet von Flusspferden, die bis in die Stadt kommen. Und tatsächlich begegnet man im träge dahinfließenden Thamalakane River den ersten Hippos, den oft unterschätzten, bis 4000 Kilogramm schweren Kolossen Afrikas. Sie können ihre Fleischmassen bis auf 40 Stundenkilometer katapultieren, wenn es um die Verteidigung ihres Territoriums oder ihrer Familie geht. Respekt einflößend öffnet einer dieser Kolosse sein Maul, und spätestens da begreift man, warum man in Afrikas Flüssen nicht nur auf Krokodile achten sollte.

Diese Begegnung sollte nur ein Vorgeschmack auf die Zusammentreffen mit den Dickhäutern nahe der etwa 350 Kilometer entfernten Xaro-Lodge am Ufer des Okawango sein. Hier wechselt die trockene Buschlandschaft urplötzlich in eine grüne Oase voller Palmen, Papyrus, wilder Äpfel und fettem Gras, es wimmelt von Vögeln - vom kleinen, bunten Bienenfresser bis zum mächtigen Fischadler. Während sein Boot an den bedächtig durch den 50 Meter breiten Fluss robbenden Flusspferden vorbeizieht, lässt Guide Sisco Ndozi seine Gäste wissen, dass im Jahr 2010 etwa 4000 Flusspferde im Okawango-Delta gezählt wurden. »Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen den schwergewichtigen Gesellen und Rinderherden, die einige Bullen nicht überleben«, berichtet Sisco angesichts eines Knochenberges am Ufer. Auf den Straßen entlang des Okawango künden Maul- und Klauenseuchekontrollstationen davon, dass intensive Weidewirtschaft und Naturschutz selten vereinbar sind.

650 Autokilometer und unzählige Begegnungen mit Rinderherden weiter haben es die rund um die 4000 Einwohner zählende Gemeinde Nata lebenden Elefanten schwerer, Wasser zu finden. Nur hin und wieder tauchen in den zumeist ausgetrockneten Flussbetten kleine Wasserlöcher auf. Diese und vom Menschen angelegte Reservoirs entscheiden in der Trockenzeit über Leben und Tod der hiesigen Tierwelt. Lediglich die Elefanten scheinen Wasser riechen zu können. Mit ihren kräftigen Rüsseln graben sie tiefe Löcher in die verkrustete Erde, bis sie auf Grundwasser stoßen. »Einige ihrer Artgenossen erleichtern sich die Suche, indem sie bis an die Wasserlöcher der Lodges herankommen und - nicht gerade zur Freude der Betreiber - mal ganz nebenbei etwas Stroh von den Dächern der Touristenbungalows zupfen«, berichtet Reiseleiter Abel.

Auf der etwa 300 Kilometer langen Strecke von Nata bis zum Chobe Nationalpark zeigen sich die Elefanten nicht gerade zimperlich, wenn sie sich in großen Gruppen durch die Busch- und Baumlandschaft bewegen, um die Zweige und Blätter ihrer geliebten Mopanebüsche zu fressen. Gekappte Äste, entwurzelte Bäume und zuweilen zertrümmerte Lkw zeugen von der entfesselten Kraft der Buschgiganten, und man tut gut daran, einen respektablen Abstand zu jeder Gruppe zu halten, die die Fahrbahn kreuzt.

Nahezu sanft geben sich dagegen die Elefanten im Chobe-Nationalpark. Saftiges Gras und das unerschöpfliche Wasserreservoir des Chobe-Flusses scheinen die Gemüter zu beruhigen, so dass man sich den Herden per Boot bis auf wenige Meter nähern kann. Elefanten, Flusspferde, Büffel, Krokodile und Warzenschweine säumen einträchtig das Ufer, und eine Bootsfahrt avanciert für jeden Tierliebhaber zu einem besonderen Erlebnis.

Die letzte Etappe der erlebnisreichen Rundreise führt nach Livingstone im benachbarten Sambia, wo sich der mächtige Sambesi an den Victoriafällen 110 Meter tief in eine 1,7 Kilometer breite Schlucht ergießt. Außerhalb der Regenzeit kann man auf sambischer Seite eine Wanderung entlang der Schluchtkante bis zum sogenannten Angels Armchair (Engelssessel) unternehmen, in dem man direkt neben den Wasserfällen ein erfrischendes Bad nehmen kann. Wer es noch aufregender mag, der stürzt sich am Bungeeseil von der Brücke über den Sambesi in die Tiefe.

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