Kritik an Kraftwerksbesetzern

Proteste der Braunkohlegegner in der Lausitz stoßen auf unterschiedliche Resonanz

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Protestaktion »Ende Gelände« am Pfingstwochenende in der Lausitz, an der sich Tausende Umweltaktivisten beteiligten, war Ausdruck zivilen Ungehorsams. Allerdings kam es auch zu Gewalt.

Als entschiedene Gegner der zum Teil gewalttägigen Anti-Braunkohle-Proteste vom Wochenende präsentierten sich am Dienstag in Potsdam die Freien Wähler. In der Lausitz habe eine »PR-Aktion ohne realen Nutzen« stattgefunden, kritisierte der Landtagsabgeordnete Pèter Vida die Aktion im Umfeld des Kraftwerks Schwarze Pumpe und des Tagebaus Welzow-Süd. Ohne ein technisch machbares Speicherkonzept seien die lautstark geforderten Braunkohle-Ausstiegsszenarien sinnlos, bemerkte Vida. Während dreier Viertel des Jahres wehe der Wind zu gering, um das Land stabil mit Strom zu versorgen. »Es sei denn, man wartet mit der Wäsche bis zum nächsten Tiefdruckgebiet«, höhnte er.

Robert Soyka, Geschäftsführer der Gruppe der Freien Wähler im Landtag, warf dem Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) vor, sich einerseits gegen den Bau weiterer Windkraftanlagen auszusprechen, andererseits aber bei dem Planungsziel zu bleiben, die Windkraftkapazität in Brandenburg noch einmal zu verdoppeln - auf 10 500 Megawatt. Dies sei »widersinnig« und »rücksichtslos gegen Mensch und Natur«. Nötig sei ein sofortiger Ausbaustopp, zumal es in wenigen Jahren keine Abnehmer für den Windstrom mehr geben werde, weil auch außerhalb von Brandenburg am Ausbau der Windkraftkapazitäten gearbeitet werde. Lediglich die Erhöhung der Gesamtleistung der Solarstromanlagen von derzeit 3000 Megawatt auf 5000 Megawatt »ginge noch, aber mehr kann man nicht machen«.

Mit Blick auf die Übergriffe am Wochenende sprach Vida von Guerillaaktionen, »die illegal sind und nicht auf das Verständnis der Bewohner treffen«. Beteiligt gewesen seien selbst ernannte Umweltritter und Überzeugungstäter mit der moralisierenden Attitüde, »im Sinne des Umweltschutzes die Braunkohleverstromung als Teufelszeug anzuprangern und jemanden retten zu wollen«. Denen riet er, ihr Gewissen sprechen zu lassen angesichts des Abholzens von Wäldern zugunsten von Windmasten. Dergleichen Empörungstiraden würden der Sache nicht gerecht. Auch die Grünen im Landtag hätten ihren Anteil an der Aufheizung der Stimmung, die in der Lausitz zu den Übergriffen geführt habe.

Aus Sicht des parlamentarischen Geschäftsführers der Linksfraktion, Thomas Domres, ist es »total legitim«, für oder gegen die Braunkohle zu protestieren. Die Angriffe auf das Kraftwerk Schwarze Pumpe aber hätten den verabredeten friedlichen Kon᠆sens zunichte gemacht, schätzte Domres ein. Das sei »unverantwortlich gewesen« und habe »mit friedlichen Protesten nichts zu tun«. Ziviler Ungehorsam finde dort seine Grenzen, »wo Sachen beschädigt und Menschen gefährdet werden«. Domres dankte der Polizei für ihre Deeskalationsstrategie. Zugleich machte er darauf aufmerksam, dass Rechtsextreme sich darauf vorbereitet hatten, das Camp der Klimaschützer anzugreifen.

Als »absolut kontraproduktiv« bezeichnete auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock vor der Presse in Potsdam die Erstürmung des Kraftwerksgeländes. »Die Gräben sind tiefer geworden.« Zu zivilem Ungehorsam habe ihre Partei nicht aufgerufen, der habe für den einzelnen dann eben auch entsprechende Konsequenzen.

»Das sind die Bilder, die wir nicht wollen«, bestätigte Grünen-Fraktionschef Axel Vogel, der sich nach eigenen Angaben mit Baerbock wie Abgeordnete anderer Parteien auch als Beobachter vor Ort aufgehalten hat. Die Erstürmung sei unnötig und überflüssig gewesen und habe dem zuvor vereinbarten Konsens widersprochen, meinte Vogel.

Den Aufenthalt von Demonstranten auf dem Vattenfall-Gelände habe die brandenburgische Polizei nicht unbedingt als Hausfriedensbruch gewertet, so Vogel. Das sei auf sächsischer Seite der Lausitz möglicherweise völlig anders. Vattenfall habe Anzeige erstattet, die Polizei Dokumente angefertigt, um Personen zu identifizieren. Der Konzern werde mit Sicherheit Schadenersatzansprüche erheben. In 163 Fällen werde der Verdacht auf gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr geprüft. Klimaschützer hatten sich an Gleise angekettet, um Kohlezüge zu blockieren.

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