Das goldene Pferd

Erinnerungen an den Militärdienst in der DDR, Sargnägel und Dartpfeile, derweil Serena Williams ein Tennisturnier gewinnt und ein Jäger von der Wildsaujagd erzählt - Oder: Wie alles mit allem zusammenhängt. Von Dirk Werner

In der Hosentasche seiner Uniformhose trug er einen Sargnagel. Ein wunderschönes Ding, sagen wir, dreizehn Zentimeter lang. Der Kopf des Nagels war reich verziert, und der spitz zulaufende Nagelschaft war - so ungefähr - zehn Zentimeter lang. Auch der Kopf des Sargnagelbesitzers war reich verziert: Konowsky selbst war ein rechter Sargnagel. Denn der Körper, dessen Länge samt Kopf knapp über zwei Meter betragen haben dürfte, war rank und schlank. Konowsky war nicht breitschultrig. Sein Schädel war glatt rasiert, als ich ihn zum ersten Mal sah. Bei seinen Ohren hatte er völlig Recht, wenn er sagte, sie stünden ihm vom Kopf wie Rhabarberblätter.

Mir wurde erzählt, dass, noch bevor ich Soldat in dieser Kompanie und noch bevor Konowskys Schädel völlig glatt rasiert wurde, er sich seine Haare so zurechtgeschnitten und -rasiert hatte, dass auf dem nackten Kopfe, nur vorn über der Stirn, noch ein reiches Haarbüschel stand. Pitti Platsch im Großformat. Beim Morgenappell hatte der Major noch gesagt: Guten Morgen, Genossen Soldaten. Und während sie im Block schreiend antworteten, ja, sie schrien (wie es ihnen beigebracht worden war): Guten Morgen, Genosse Major!, währenddessen riss sich Konowsky sein Käppi vom Kopf und soll einen extra Gutenmorgengruß gerufen haben. Zehn Tage Bau.

Indessen - ich sitze an der Kneipentheke, und ich sehe im Fernsehen, wie traurig Serena Williams guckt. Hat das schon mal einer gesehen. Immer und immer wieder nach ihrem Zwei-Satz-Sieg werden in Zeitlupe ihre schönen und dunklen und sehr traurigen Augen gezeigt. Warum stets aufs Neue? Warum? Unterläuft da der Bildregie ein Fehler? Konowskys Augen waren kinderrund, leicht vorgewölbt, wässrig blau. Er hatte so Augen, die nicht anteilnehmend gucken konnten. Oder er hatte sich das abgewöhnt und sah nur noch nüchtern den Dingen zu. Nicht abwesend, aber er war ja sowieso nie da, wo wir waren, in der Scheiße.

Neben der Theke kriechen ein paar Jungs auf dem Boden herum. Vom Barhocker herab sehe ich ihnen zu. Sie suchen einen Dartpfeil, der soeben von der Dartscheibe zurücksprang. Ich glaube, deshalb kam ich auf Konowsky. Ich musste unversehens - durch die Dartpfeile - an dessen wunderschönen Sargnagel denken, den er als Talisman bei sich trug. Ab und an schaue ich mir die Wiederholung von Serena Williams traurigen Augen an - kurz nachdem ihr jüngster Sieg perfekt war und sie in die nächste Runde einzog. In Zeitlupe: dieser Blick.

Am Thekentisch schräg gegenüber sitzt einer, der nicht nur dick ist, sondern feist ausschaut und sehr viel raucht. Aber Geschichten weiß er zu erzählen. Zum Beispiel davon, wie er vor einem angeschossenen Keiler auf einen Baum floh. Das erzählt er mir, und ich bin ganz Ohr. Er selbst, Jäger mit Jagdschein, hatte das Tier getroffen, doch längst nicht tödlich, und nun jagte es ihn auf den Baum. Ziegen können auf Bäume klettern, nicht aber Keiler. »Und was tat das Vieh? - Es begann, den Baum auszugraben. Ringsherum, die Teile des Wurzelwerks.« Er, oben, konnte aus dem Laubgewölk heraus nicht schießen, wohl weil er sich gut festhalten musste und im engen Gezweig nicht nachladen konnte. Schließlich rief der Feiste, der mir immer sympathischer wird, einen Freund an und sagte ihm, dass der Keiler in etwa einer halben Stunde das Werk vollbracht haben würde. Dann würde der Baum stürzen.

Dieser Freund war wie der Dicke Jäger. Er brachte das Tier rechtzeitig zur Strecke. Und unten, zu unseren Füßen, suchen sie noch immer nach dem Dartpfeil, so lange, dass man es nicht glaubt, und ich sehe, wie müde Serena Williams Augen aussehen. Müde und leer und traurig nach diesem Sieg.

Konowsky war damals sechsundzwanzig und ich war achtzehn. Nicht nur dazwischen liegen Welten, sondern er kam aus Rostock, einer Großstadt, und ich aus Zingst, einem Dorf. Er hatte Arbeit im Rostocker Botanischen Garten gefunden, erzählte er. Eines Tages, keiner der Angestellten wusste davon, ging er mit seiner Angel direkt in den Garten, wo es verschiedene Gewässer gab. Aus ihnen angelte und fing Konowsky alle Fische heraus, die Exoten und die Idioten unter ihnen, alle. Und wenn Leute, Besucher etwa, kamen und sich darüber wunderten, so sagte er, erzählte er mir, er hätte Anweisung vom Professor, die Fische alle zu fangen und in zwei Eimern mit Wasser einzusammeln. Sie alle, sagte er zu mir, sie alle hätten die Bauchwasserkrankheit bekommen. Da müsse man schnellstens eingreifen. - Hat Konowsky diese Fische gegessen? Gemeinsam mit Rostocker Kumpanen, die die Welt genauso sahen wie er?

Das ist eine heikle Frage. - Aber eines Tages, erzählte man in der Kompanie, wurde er zum Kompaniechef, zum Major befohlen. Von dem wussten alle, dass er ein Trinker war, alkoholkrank, dass er im Zimmer im Tresor hinter sich den Wodka eingeschlossen hatte. »Genosse Konowsky«, so soll der Major das Gespräch begonnen haben, »ich habe gehört, dass Sie ein Problem haben.« »Ein Problem?«, wunderte sich Genosse Konowsky. »Ein Alkoholproblem«, erwiderte der Chef. Ach, das war gemeint. Das gab der Rostocker Genosse zu oder er druckste so lange herum, bis der Genosse Major sagte, dass der Genosse Konowsky, würde die Sucht zu stark werden und Überhand nehmen, Ausgang beantragen könne und er diesen Ausgang dann umgehend für den Abend genehmigt bekäme. Auch unter der Woche, nicht nur am Wochenende. Der Genosse Major wollte einfach nicht, so erzählte man weiter, dass regelmäßig heimlich Alkohol in die Baracken geschmuggelt werden würde oder dass Konowsky noch auf ganz andere Ideen käme und sich den Weg in die Freiheit suche. Damit nahm das Gespräch zwischen dem Rostocker Genossen und dem Genossen Major für Konowsky angesichts seiner schweren Krankheit einen sehr günstigen Ausgang. Aber der Mann mit den Rhabarberblätterohren erhob sich nicht vom Stuhl, den ihm der Kompaniechef anfangs zugewiesen hatte. War das eine neue Frechheit? »Sie können gehen«, sagte der Major. - »Aber ich habe da noch eine Frage«, antwortete der Soldat, der letzten Endes doch und völlig überraschend für alle zum Gefreiten befördert werden würde: »Genosse Major, kann ich heute Abend Ausgang bekommen?« Es wurde ihm bewilligt, wenn diese Zubilligung auch aus einem nun mürrischen Mund kam.

Über Zeit- und längst verschwundene politische Grenzen hinweg - und bald existieren diese Grenzen noch, bald aber auch nicht - sitzt vor mir statt Konowski, dessen Vornamen ich nicht weiß, mein Jägerlateiner, mein Thekentischgegenüber. Das Feiste seines Gesicht ist zurückgetreten, ich seh in ihm einen Waghalsigen oder jedenfalls Unerschütterlichen, wenn er von einer Treibjagd im Hohenlohe’schen erzählt, bei der vierzig oder sechzig Wildschweine zusammenkamen und auf die Schießenden zustürmten. Serena Williams gibt Autogramme, sie erscheint nur als natürlich, wenn sie diesem Teil ihrer Arbeit nachgeht. Die Jungs zu unseren Füßen suchen wahrhaftig noch immer nach dem Dartpfeil, der ein persönlicher sein muss, im Besitz eines von ihnen, denn eigentlich verfügt die Kneipe über ausreichend Dartpfeile. Wenn einer von ihnen mit einem Sargnagel anstelle des Pfeiles aufstehen würde - mich sollte es nicht wundern.

Angesichts der heranstürmenden Schweinerotten bekam der Junge, der hinter dem Feisten einst stand, kalte Füße. Er hatte bei der Treibjagd vom Jäger das jeweils leer geschossene Gewehr entgegenzunehmen, er munitionierte es auf, derweil er ein geladenes Gewehr zum Schützen nach vorn reichte. Das jedoch mit ungeheurer Angst. Als anstürmende Gewalt rasten die Keiler und Wildsäue, unter ihnen junge Tiere, und die Schießenden, in einer Kette aufgestellt, hatten alle Hände voll zu tun, die Fliehenden nicht bis zu sich herankommen zu lassen. Meinem Jägerlateiner lief nun der junge Mann fort, dessen Assistenz doch dringend vonnöten war.

Einer der Burschen vor uns erhebt sich mit einem Sargnagel in der Hand vom Fußboden. Er lacht nicht, staunt nur. Und ich selbst denke, dass man in der Spelunke noch ganz andere Dinge unter Schränken, Tischen, Spielautomaten hervorkehren könnte. Und Konowski erzählte mir vor fünfunddreißig Jahren, wie sie einem Bauern nachts unweit von Rostock im Stall ein Pferd golden anstrichen. Und ich selbst wiederum hatte bei der Armee den anderen immer vorgespielt, Briefe zu schreiben, Briefe und noch mehr Briefe, die ich aber in Wahrheit gar nicht abschickte, sondern im Spind aufbewahrte. Ich wollte einfach nur für mich sein und Texte aufschreiben.

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