Strandbad Weißensee kämpft sich in die Saison

Wegen einer Baustellenhavarie wurde der Badebetrieb verspätet und mit eingeschränktem Service aufgenommen

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Sonne drückt schon vormittags, Pollen treiben auf dem Wasser. Die schattigen Wiesen rund um den Weißensee sind gut besetzt. Im Strandbad, seit 1912 eine Institution im umgebenden Volkspark, geht es dagegen bemerkenswert beschaulich zu. Es ist Montag, und nur wenige Liegen sind belegt, im Wasser tummeln sich ein Dutzend Badegäste. »Wir haben heute früh knapp 20 Grad Wassertemperatur gemessen«, sagt der Pächter, Alexander Schüller. Und die Wassergüte, in der Vergangenheit nicht immer eine Stärke des kleinen Sees, sei in der vergangenen Woche überprüft worden. Die Qualität sei sehr gut, habe man ihm versichert.

Dass das Strandbad Weißensee überhaupt geöffnet hat, grenzt an ein Wunder. Weil bei Baggerarbeiten an der Baustelle an der Berliner Allee 173 - hier entstehen Luxuswohnungen mit Seeblick - eine Abwasseranlage zerstört worden war, hatte das Bad schon kurz nach der Öffnung im April wieder schließen müssen. Denn an die Anlage war das System des Strandbads angeschlossen, dessen Abwässer nun das Grundwasser bedrohten. Rund ein Jahr werde die Reparatur dauern, hieß es - schlechte Aussichten für die Saison 2017.

Für Schüller, der das Bad vor viereinhalb Jahren bei den Berliner Bäderbetrieben gepachtet hat und in der Hochsaison bis zu 46 Mitarbeiter beschäftigt, hätte das das Aus bedeutet. Im Mai hätte er Insolvenz anmelden müssen, denn allein die für diesen Monat aufzubringenden festen Kosten in Höhe von 58 000 Euro hätte er nicht aufbringen können.

»Wir machen 80 Prozent unseres Umsatzes mit der Gastronomie und nur 20 Prozent mit dem Badebetrieb«, sagt er. Auf der Terrasse, im Freien und im Zelt ist Platz für 540 Gäste. Es gibt schon ab 9 Uhr Kaffee und Kuchen, die Küche ist von 13 bis 22 Uhr geöffnet und das Bad schließt erst um Mitternacht. Nach dem Ausfall der Abwasseranlage war an Gastronomiebetrieb nicht zu denken.

Dass Alexander Schüller die Flinte nicht gleich ins Korn geschmissen hat, liegt nicht zuletzt an der vielfältigen Unterstützung, die er bis heute erfährt. Mit einiger Improvisationskunst hat er sich die Genehmigung erkämpft, sein Bad eine Woche vor Himmelfahrt wieder zu eröffnen. Schon am 20. Mai seien 500 Gäste gekommen. Er hat einen mobilen Ausschank sowie Toilettencontainer gemietet, deren Abwässer in zwei großen Tanks aufgefangen werden und zweimal wöchentlich geleert werden müssen. So kann er aber kalte Getränke anbieten, zudem bietet das Café einen kleinen Imbiss, Eis, Kaffee und Kuchen. »Das Himmelfahrtswochenende lief schon ganz gut, wenn auch nicht so, wie in den Vorjahren«, sagt der Pächter. »Pro Tag waren im Schnitt vielleicht 800 Gäste da.«

»Ich hoffe, dass ich den Mai überstehe, ohne Insolvenz anmelden zu müssen«, so Schüller. Mit 12 000 Euro pro Monat schlagen allein Ausschank und Toiletten zu Buche - einige seiner Mitarbeiter müssten derzeit frei machen. Über die gröbsten finanziellen Nöte hilft ihm hinweg, dass die Bäderbetriebe die Pacht ausgesetzt haben, auch Freunde leihen ihm etwas. Der Berliner Rundfunk 91,4 hat ihm nach einer Ad-hoc-Spendenaktion 3755 Euro überwiesen. Von den 5000 Euro, die auch der Bauherr versprochen hatte, sind am Ende 2500 Euro angekommen. Am Nachmittag stand noch ein Termin bei der Landesinvestitionsbank (IBB) an, bei dem die Möglichkeiten für ein Darlehen besprochen werden sollten.

Schüller hat den Schadensverursacher auf mehrere Zehntausend Euro verklagt, ist aber nicht sehr optimistisch, dass er von dem Geld am Ende auch etwas sieht. Der Bauherr bleibe bis heute beharrlich Angaben zu seiner Versicherung schuldig.

Am Vormittag kündigten die Wasserbetriebe den bevorstehenden Abschluss der Arbeiten am Abwassersystem und die Abnahme des Provisoriums Mitte nächster Woche an. Das heißt: Saisonstart für Küche und Bar.

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