Der Kampf um Grün

Matthews holt Kittel ein - der Ausgang der Tour bleibt offener als gedacht

Marcel Kittel hatte es gesagt, mehrfach: »Der Kampf ums Grüne Trikot ist noch lange nicht entschieden. Das wird bis Paris gehen.« Kaum jemand hatte ihm dies geglaubt. Zu groß erschien die Überlegenheit des fünffachen Etappensiegers im Massensprint, zu groß mutete sein Vorsprung in der Punktewertung an. Viele hatten die gute Erziehung, die Höflichkeit gegenüber seinen Rivalen als Hintergrund der Bemerkung vermutet.

Die 16. Etappe der Tour de France ließ aber den Wahrheitsgehalt der Aussage des Thüringers deutlicher zutage treten, als es Kittel selbst lieb gewesen sein dürfte. Bei dem Ritt durch die Vulkanlandschaft der Auvergne im ersten Teil der Etappe verlor der Mann in Grün aber den Anschluss ans Peloton. Grund dafür war auch der Druck, den fast das komplette Sunweb-Team auf die Pedalen brachte. Ihr Co-Kapitän Michael Matthews ist Kittels härtester Herausforderer. Der Australier ist nicht so antrittsschnell wie der Thüringer, hatte im Massensprint gegen Kittel bislang auch keine Chance. Er kommt aber besser über die Berge. Und er unterstrich mit seinem Tagessieg auf der Rampe nach Rodez, dass er der wahre Nachfolger des disqualifizierten Peter Sagan ist: Unschlagbar im Sprint bergauf.

Seit dem Etappensieg hat Matthews fleißig Punkte gesammelt. Er beteiligte sich im Hügelland am Zwischensprint, ging in Ausreißergruppen, während Kittel am Ende des Pelotons oder gar abgehängt hinterherfuhr.

Das war fünf Jahre lang auch die Taktik Peter Sagans. Der Slowake gewann zwar weniger Etappen als die Kittel, Greipel oder Cavendish. Er war aber auch dann in den Punkterängen, wenn diese drei mit dem Gruppetto über die Bergpässe keuchten. Fünf Grüne Trikots hintereinander holte Sagan so. Manchen Trick mochte er auch Matthews verraten haben. Beide wohnen in Monaco. Beide sind mit Slowakinnen verheiratet. Und die beiden Paare gehen auch öfter miteinander essen, wie Sagan verriet, als er noch froh und siegreich bei dieser Tour de France war.

Jetzt ist sein Tischnachbar aus Down Under in seine Rolle bei der Tour geschlüpft. Noch nicht ganz so souverän, gewiss. Aber um Sprint-Superstar Marcel Kittel die Schweißperlen aufs Gesicht zu treiben - dazu reicht es schon.

Das taktische Meisterstück, um das Rennen um Grün wieder zu eröffnen, hatte Sunweb dann für diesen Dienstag ausgeheckt. Schon an der ersten Bergwertung des Tages legten sie ein Tempo im Feld vor, das Kittel in Schwierigkeiten brachte. Nur einen Mannschaftskameraden hatte er zu diesem Zeitpunkt. Quickstep wollte Kräfte sparen für ihren Mann im Gesamtklassement, den Iren Dan Martin. Als der Rückstand wuchs, wurden weitere Teamkollegen nach hinten abgestellt. Aber es war zu spät. Kittels Rückstand wuchs und wuchs. Und Matthews sah leichten Punkten entgegen. Bei dieser verrückten Tour ist nun auch der Kampf um Grün wieder offener als gedacht.

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