Zwangskuscheln im Klassenzimmer

Schulklassen sind im Durschnitt teilweise deutlich größer als im Vergleich zum vergangenen Schuljahr

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 2 Min.

In vielen Klassenzimmern dürfte es zum Start des neuen Schuljahrs am vergangenen Montag kuschelig eng geworden sein: Einer Erhebung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zufolge sind die Klassen und Lerngruppen an Berliner Schulen im Vergleich zum vergangenen Schuljahr größer geworden.

Während die durchschnittliche Schulklasse an einer Grundschule aktuell aus 22 Schülern bestehe, liege die Zahl an einigen Schulen deutlich darüber, kritisiert die GEW. Das in der Grundschulverordnung angegebene erlaubte Maximum der Klassenstärke liegt in der Regel bei 26 Schülern.

»Bei zunehmender Klassengröße ist die Individualisierung und Differenzierung im Unterricht deutlich schwieriger«, sagte Tom Erdmann, Landesvorsitzender der GEW.

Die räumliche Enge gehe letztlich auf Kosten der Bildungsqualität. An der Erhebung der Gewerkschaft hatten sich insgesamt 68 Schulen beteiligt. Darunter unter anderem 33 Grundschulen, vierzehn Integrierte Sekundarschulen, neun Gymnasien und fünf zentralverwaltete und berufsbildende Schulen. Das entspricht rund zehn Prozent der 750 Berliner Schulen. 17 der 33 an der Abfrage beteiligten Grundschulen gaben an, dass die Klassen und Lerngruppen größer geworden sind. Auch fünf Integrierte Sekundarschulen meldeten gestiegene Klassenstärken. An 18 Schulen mussten zusätzliche Lerngruppen eröffnet werden, weil die Klassenstärke sonst nicht mehr tragbar gewesen wäre.

Auch wenn sich aus den Erhebungsdaten nur ein Teilbild ergebe, sei die Tendenz zur Verdichtung an den Schulen deutlich erkennbar, kritisierte der GEW-Landeschef.

»Unsere Schulen leiden unter der Raumknappheit und müssen deswegen immer mehr ihre pädagogischen Konzepte über Bord werfen«, sagte Erdmann. Dadurch werde insbesondere in den Grundschulen die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Professionen schwieriger. Auch wichtige Entwicklungsaufgaben wie Inklusion, Integration, Digitalisierung und Medienbildung würden durch die Raumknappheit erschwert.

»Diese Aufgaben sind nur zu bewältigen, wenn die Pädagogen auch verlässlich Zeit erhalten, um die Entwicklungsprozesse gestalten und sich fortbilden zu können«, sagte Erdmann weiter.

Rund 441 330 Schüler lernen im Schuljahr 2017/18 an den allgemeinbildenden Schulen. Das sind 6700 mehr als im vergangenen Schuljahr. Trotz der Kritik der GEW, hatte sich Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zum Schulstart optimistisch gezeigt. »Der Anstieg der Schülerzahlen ist mit zahlreichen neuen Einstellungen sowie umfangreichen Bautätigkeiten zur Schaffung weiterer Schulplätze verbunden«, sagte Scheeres.

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