Die Wärme des Schnees

Poesiealbum S. Kirsch

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Sie ist eine Märchenhafte, ist die Pflanzenstreichelnde, die Engelschwester, die Kräuterhexische, deren poetische Gegenstände auf Bildteppichen davonfliegen. In diesen Gedichten ist die Welt eine Ganzheit aus Himmeln und Tiefgras, aus Demut und Trotz - Sarah Kirschs Poesie hat niemals die Distanz gekannt; und wahrscheinlich ist es gar nicht so sehr der Reichtum an Stimmungen, der an ihrem Vers so fasziniert, sondern die zarte Heftigkeit, nicht der Stimmungen Vielfalt, sondern deren Kraft. Großes Gefühl, hochgespannter Ton; in allem eine weibliche Sanftheit, die keck wiesenhüpft, in Kostümen und Wortschätzen vergangener, aber nahgefühlter Jahrhunderte. Der »Droste jüngere Schwester« hat Marcel Reich-Ranicki sie genannt, und alle, die ihren Weggang 1977 aus der DDR betrauerten, klagten auch über den Verlust des geliebten »Sarah-Sounds« (Peter Hacks). Im Osten, so hat sie mal gesagt, »war es eine große Gnade, ein Sonstwas, wenn ein Buch, das man geschrieben hatte, auch herauskam. Dieses Gefühl war für mich unwürdig und grauenhaft.«

Kirschs Leben (1935 - 2013) war eine entschlossene Suche nach Rändern. Wo man die entscheidende Wahrheit empfindet: dass man woanders nichts, aber auch gar nichts verpasst hätte. Natur und Häuslichkeit, Tür und Totale - Sarah Kirsch lockt per Vers, gleichsam über brüchiges Eis, in die warme Küche, in die Nachbarschaft mit Katzen. Und der Weg führt durch Vogelschwärme und am Sitz von Schneeleoparden vorbei. Ihre Poesie: Blumensträuße wie Fackeln des Frohseins, das Wetter am liebsten ein Regensopran. Sarah Kirsch ist eine Spurensucherin im Millimeterbereich. Das schönste Wort der Sammlung: »Schneewärme«.

Das Poesiealbum enthält auch Gedichte aus dem ersten Band der Dichterin: »Landaufenthalt«. Wie ein Aufatmen klingt das. Das Wort rauscht wie eine Baumkrone. Abkehr singt aus diesem Wort, Abkehr von allen Formen des Betonierens. Kirsch hat ihn erfahren, den Beton: »Nachmittags fällt mir ein es gibt Krieg/ Nachmittags vergesse ich jedweden Krieg/.../ Nachmittags ziehe ich mich aus mich an/ Erst schminke dann wasche ich mich/ Singe bin stumm«. Zeilen aus dem Gedicht »Schwarze Bohnen«. Verse über die peinigende Erträglichkeit der Dinge. Der VI. Schriftstellerkongress 1969 vermisste »soziales Pathos« und »hymnischen Geist«. Ein einziges Gedicht genügte für den Pranger: Was kümmerte die geistigen Inquisiteure, welches Seelenzittern sie in einer jungen Frau auslösen? Drei Jahre litt sie am Schmerz des Schweigens. Ein Elendsprotokoll des Systems.

Fahrt und Flug sind das Wesen dieser Dichtung. Fahrtwind und Funkenflug. Wir lesen eine Dichterin der Freiheit. Diese Freiheit ward gefunden am Eiderdeich in Schleswig-Holstein. Die dithmarschen Moore grüßen mit ihrem Dunkel; immer nahm Sarah Kirsch dieses Dunkel auf wie einen Faden und spann es weiter zum Gold, darin Tierheit und Menschheit gemeinsam aufleuchten.

Poesiealbum 330: Sarah Kirsch. Auswahl: Moritz Kirsch, Grafik von Sarah Kirsch. Märkischer Verlag Wilhelmshorst. 32 S., br., 5 €.

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