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Wer schreibt, der bleibt

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn ich gefragt werde, wie ich zum Schreiben kam, gebe ich gerne die für viele Schreiberlinge gültige Antwort: In der 1. Klasse wurden mir zuerst einige Selbstlaute vermittelt, wenig später ein paar Mitlaute; so ging es zügig voran, über kurze Sätze zu langen Diktaten. Andere kleine Schreiberlinge dagegen nennen gerne die Namen großer Schriftsteller, so als ob das ihre Grundschullehrer gewesen wären. Ich komme zwar aus dem Leseland DDR, doch die Verfasser von 222 Textseiten und mehr kamen irgendwie von einem anderen Planeten.

Mitte der 80er fielen mir einige Ausgaben der Westberliner Zeitschrift »Ich und meine Staubsauger« in die Hände. Darin hatten einige Freaks volksnahe Berichte über ihre Konzertbesuche verewigt. Das war der Urknall, um einige Jahre später beim »Zonenzombie« einzusteigen, einer fußballlastigen Kneipenzeitschrift in 300er Auflage. Ich packte in meine Schreibanfälle persönliche Episoden aus den vorangegangenen Jahrzehnten, sodass sie auch ins Leipziger Zine »Melk die fette Katze« passten. Das Schreiben war für mich eher eine Volkskunst, mit der doch jeder mehr zu tun hat als mit der Musik oder dem Theater.

Mein Lesungsdebüt absolvierte ich im »Sportlertreff«, einer Kneipe im ersten besetzten Haus vom Prenzlauer Berg, direkt neben dem Polizeirevier am Senefelderplatz. Das Haus war zur Wende mehrfach von Fußballanhängern attackiert worden, was den Initiator der Lesung nicht davon abhielt, mich auf den Flyern als Hooligan anzukündigen. Grandiose Idee, voller Erfolg.

Während dieser Monate gingen einige mir bis dato unbekannte Jungs und zwei Mädchen aus einem naheliegenden Kulturkreis mit ihren Lesebühnen an den Start. Dort war ich bald fast so oft zu Gast, wie ich Klimpergeld benötigte. Mit einigen Dauergästen gründete ich eine eigene Bühne im Friedrichshain, die »Chaussee der Enthusiasten«. Der Bezirk war 1999 noch weitestgehend grau und eher arm an Kneipen, in denen was stattfand, doch irgendwie ziemlich im Kommen.

Einige Zeitungen feierten uns etwas übereilt ab, auch ein paar Verlagsleute ließen sich in unseren Keller hinab. Was für eine Erweiterung des Freundeskreises: Knapp zwei Jahren, zuvor kannte ich kein einziges Poetenhäschen persönlich, und nun plötzlich 33, von denen mindestens drei heute jeder kennt. Als der erste von uns sein Debüt auf dem Markt platzieren wollte, amüsierten wir uns über ihn. Wir waren arbeitslose Tiefbauer oder Drucker, unser Literaturstipendium hieß doch ALG II, welches nicht gelegentlich, sondern dauernd bewilligt wurde. Einem Kollegen schien es sogar peinlich zu sein, dass er ein Jahr zuvor jenseits unserer Bühnen einen Preis gewonnen hatte.

Ich trödelte in den Nullern mit drei Büchern in der Literaturregionalliga herum. Vor einem knappen Jahrzehnt ging es mit dem duften Null-Profit-Unternehmen »Zugriff« los, einem BFC-Dynamo-Magazin, dessen Auflage mit der Zuschauerzahl zeitweise identisch war. Auch die Veröffentlichung anderer vom Aussterben bedrohter Formate brachte einige Schulterklopfer. Wer schreibt, der bleibt, wo auch immer. Vor drei Jahren erschien diese Kolumne erstmals im »nd«, nun habe ich eine SED-Million im Sack. Ein guter Moment, um zu sagen: Tschüss, bis unverhofft.

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