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  • Gentrifizierung in Berlin

Rummelsburg wird fein gemacht

Die einst öde Gegend wird bunter, damit kommt auch die Angst vor Verdrängung

  • Tim Zülch
  • Lesedauer: 3 Min.
Stefan Kunze stampft mit dem Fuß auf den Boden. Graue Schiebermütze, gleichfarbiges Sakko, gelber Schal. Der Boden schwingt leicht nach. »Das ist Industrieboden, den wir hier verlegt haben, Estrich mit Kunstharz versiegelt«, erklärt er. Seit rund einem Jahr hat er zusammen mit einigen Mitstreitern die ehemalige Gaswerksiedlung an der Köpenicker Chaussee gepachtet.

Die Siedlung liegt neben dem Kraftwerk Klingenberg und gegenüber eines Baustoffhandels. Musikern, Künstlern aber auch kleinen Handwerksbetrieben stellt Kunze Räume zur Verfügung, gut zwei Dutzend Mieter sind schon eingezogen. In den kleinen Arbeiterwohnungen hat er, um sein Vorhaben verwirklichen zu können, Wände entfernen lassen, eine moderne Heizung und Sanitäranlagen eingebaut und eben teilweise Industrieboden verlegt. Wände und Türen sind Original geblieben.

Die Gaswerksiedlung zeigt exemplarisch den Umbruch, vor dem dieser Teil von Rummelsburg steht. Während einerseits klassische Industrie vorherrscht - Autowerkstätten, ein Entsorgungsbetrieb, eine Tischlerei -, entdeckt die sogenannte Kulturindustrie die Gegend für sich. Und zwar nicht nur für punktuelle Events, wie es sie bereits seit längerem gibt, sondern nun auch als festen Standort. Neben der Gaswerksiedlung findet man sie auch im ehemaligen Funkhaus der DDR in der Nalepastraße, das sich nach mehreren Besitzerwechseln jetzt mit Uwe Fabich und Holger Jakisch in ruhigeren Fahrwassern befindet. In den ehemaligen Rundfunkräumen haben sich Musiker wie Nils Frahm Studios eingerichtet.

Die wachsende Attraktivität weckt auch Begehrlichkeiten für Flächen, die noch als Kleingärten genutzt werden. Anwohner fordern zudem Kitas, Schulen und mehr Grün.

Selbst in der Gaswerksiedlung leben noch ganz normale Wohnungsmieter, obwohl das ganze Areal als Industriegebiet ausgewiesen ist. »Dadurch ist Wohnnutzung offiziell gar nicht möglich, aber einige Mieter haben noch gültige Verträge und dürfen weiter hier wohnen, aber nicht mehr innerhalb des Komplexes umziehen«, sagt Stefan Kunze. Ein Sachverhalt, der ihn durchaus vor Probleme stellt, weil die verschiedenen Nutzungen nicht immer kompatibel sind.

Ob Gentrifizierung in Anbetracht der Situation in Rummelsburg auch gut sein kann, fragte auf einem Quartiergespräch am Donnerstagabend Jan Lerch von der Immobilienfirma KIM und plädierte dafür, die Gebiete außerhalb des S-Bahn-Rings vermehrt in den Blick zu nehmen. Seine These stieß bei den eingeladenen Kulturunternehmern durchaus auf Zustimmung. »Statt Gentrifizierung kann man auch Verbesserung sagen«, so Charles Landry, Stadtforscher und Herausgeber mehrerer Bücher zur Entwicklung kreativer Städte.

Der Architekt Thomas Stellmach schränkte ein: »Wandel ist wichtig für Kultur. Das ist der Lauf der Dinge. Allerdings ist auch wichtig, dass die, die vorher da waren, nicht an den Rand gedrängt werden.« Als sich die versammelte Kulturszene fragte, ob beispielsweise Baustoffunternehmen in zehn Jahren noch einen Platz in Rummelsburg hätten, platzte Jochen Brückmann von der Industrie- und Handelskammer der Kragen: »Unternehmen müssen Planungssicherheit haben und müssen bei Investitionen wissen, ob sie noch in zehn oder 20 Jahren am Standort sein werden.«

Auch Alex Meuter, der in der Rummelsburger Bucht zusammen mit einigen Gleichgesinnten das Piratenfloß Anarche betreibt, fühlt sich von den versammelten Kulturunternehmern nicht vertreten. Er erfahre eher Gegenwind mit seinem experimentellen No-Budget-Projekt. »Es muss viel mehr Freiflächen und Freiräume geben, wo sich Künstler, aber auch beispielsweise Jugendliche frei von Verwertungszwang entfalten können«, so Meuter, der seinen richtigen Nachnamen lieber nicht nennen möchte.

Die ebenfalls anwesende Lichtenberger Stadtentwicklungsstadträtin Birgit Monteiro (SPD) verwies zum Abschluss auf zwei existierende Kitas und eine Schule, die sich in Planung befindet. Außerdem sei ihr wichtig, dass es eine »kooperative Baulandentwicklung« im Bezirk gebe.

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