Wohin mit den Altversicherungen?

Große Versicherer wie Generali wollen ihr Lebensversicherungsgeschäft abstoßen

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Versicherungskonzerne legen ihre Lebensversicherungssparte still. Neue Verträge werden nicht mehr abgeschlossen. Was bleibt, sind Millionen alter Verträge, die teils noch zwanzig, dreißig Jahre laufen können. Versicherer wie Ergo, Generali oder Zurich würden diese Altlasten wohl liebend gerne loswerden. Umstritten ist dabei, ob ein Konzern seine stillgelegte Sparte einfach an einen externen Spezialisten verkaufen darf. Und ob sich das überhaupt rechnet.

Viele Manager an der Spitze drängen auf einen solchen Verkauf. Denn die stillgelegten Sparten sind wenig rentabel. Die Niedrigzinsen seit der Finanzkrise machen klassische Kapitallebensversicherungen unattraktiv. Für sie müssen bis zu vier Prozent Garantiezinsen an die Kunden gezahlt werden. Zudem schmälern neue Stabilitätsauflagen durch die Aufsichtsbehörden (»Solvency II«) die Gewinne. Gleichzeitig binden die stillgelegten Lebensversicherungssparten sehr viel Kapital. Analysten und Anleger fordern daher von den Vorständen, die Resterampe abzustoßen.

Verbraucherschützer und Beschäftigte kritisieren solche Verkaufspläne scharf. Sie hätten negative Auswirkungen auf die private Altersvorsorge im Allgemeinen, die Versicherten, die Angestellten. Zusätzlich schürt den Unmut der Kritiker, dass die drei großen hierzulande aktiven Abwickler US-amerikanischen, britischen und chinesischen Investoren gehören. Diese Abwickler setzen auf weniger Personal und mehr IT, um Kostenvorteile zu erzielen. Mittlerweile haben die Resteverwerter schon Verträge unter anderem von Victoria, Skandia und Arag übernommen.

Ende März hat auch Generali, immerhin der zweitgrößte Privatkundenversicherer in Deutschland, angekündigt, über den Verkauf seiner Lebensversicherung AG nachzudenken. Die Gesellschaft betreut 4,2 Millionen Verträge und verwaltet Kapitalanlagen von mehr als 40 Milliarden Euro. Man prüfe derzeit »sehr intensiv verschiedene Optionen«, was mit den Altverträgen geschehen solle, teilt ein Sprecher auf Anfrage am Freitag mit.

Längst herrscht Aufregung im Betrieb. Bereits in den vergangenen fünf Jahren hatte der Konzern kräftig abgebaut - die Belegschaft ist laut Betriebsrat von rund 15 000 auf etwa 10 000 Beschäftigte geschrumpft. Und der Deutschland-Chef des italienischen Konzerns, Giovanni Liverani, setzt weiter auf »industrielle Transformation«.

Der Betriebsrat fügt den genannten Kritikpunkten einen weiteren hinzu, er zweifelt am betriebswirtschaftlichen Nutzen eines Ausverkaufs. Dieser ergäbe lediglich einen »negativen Beitrag zur Wirtschaftlichkeit der Generali« und zwar im dreistelligen Millionenbereich. Zu diesem Ergebnis gelangte eine beauftragte Unternehmensberatung in Dresden. In einer Internetpetition, die bis zum Wochenende von 1500 Beschäftigten unterschrieben wurde, appelliert der Betriebsrat an Politik, Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber, »diesem finanzpolitischen Abenteuer einen Riegel vorzuschieben«.

Am Montag findet in Hamburg bei Generali eine ver.di-Mitgliederversammlung statt. Gewerkschaftschef Frank Bsirske befürchtet angesichts der Größe von Generali »einen Dammbruch für die gesamte Branche«. Die Politik dürfe daher nicht zulassen, »dass ein zentraler Bestandteil der betrieblichen und privaten Altersversorgung ins Risiko gestellt wird«.

Auch Verbraucherschützer horchen auf. Investoren wollen vor allem Geld verdienen. »Und so befürchten wir«, schreibt die Verbraucherzentrale Hamburg, »dass sie das Geld lieber in die eigene Tasche stecken und die Verbraucher am Ende in die Röhre gucken«. Man werde die Entwicklung genau beobachten, heißt es beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Die Finanzaufsicht BaFin verspricht, in jedem Fall den »Schutz der Kunden« zu sichern. Ähnlich äußern sich Finanzpolitiker im Bundestag.

Im Herbst war bereits die Ergo-Gruppe mit einem Verkaufsversuch vorgeprescht. Nach Protesten der Belegschaft hatte Vorstandschef Markus Rieß jedoch die Reißleine gezogen: Altverträge werden nun geräuschlos intern abgewickelt. Möglicherweise war aber auch nur der Preis zu schlecht, ist zu hören. Potenzielle Käufer hätten zu wenig geboten.

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