Verlierer und Gewinner der Lehman-Pleite

Während europäische Banken weiter Probleme haben, sind die großen US-Institute wieder obenauf

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Am 15. September 2008 blickte die Finanzwelt in den Abgrund. Die US-Bank Lehman Brothers implodierte und machte aus einer amerikanischen Immobilien- und Bankenkrise eine globale Finanzkrise. Doch wo Verlierer sind, sind auch Gewinner, und die sitzen ausgerechnet in den Vereinigten Staaten.

Die US-Großbanken hängen ihre europäischen Wettbewerber immer mehr ab. In diesem Jahr erwirtschafteten die nach Bilanzsumme zehn größten europäischen Banken bis Ende Juni rund 26 Milliarden Euro Gewinn - die zehn größten US-Häuser dagegen umgerechnet 69 Milliarden Euro. Die Deutsche Bank erreichte nach Steuern »nur« einen Gewinn von knapp einer halben Milliarde Euro. Zum Vergleich: JP Morgan und Bank of America brachten es auf rund 15 beziehungsweise zwölf Milliarden Euro. Der Zuwachs der US-Profite beträgt 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das macht sich auch beim Börsenwert bemerkbar: Unter den Top 10 befinden sich vier US-Banken, darunter JP Morgan auf Platz eins, und nur eine aus Europa: die britische HSBC.

Damit verstärkt sich eine seit Jahren anhaltende Entwicklung. »Seit 2012 sind die Gewinne der amerikanischen Banken jeweils mindestens doppelt so hoch wie die ihrer europäischen Konkurrenten«, stellt die internationale Unternehmensberatung Ernst & Young fest. Zehn Jahre nach der Krise seien die US-Banken sogar wieder auf Rekordkurs. Dafür gibt es Gründe: Die US-Wirtschaft boomt, Trumps Steuerreform greift. Die wieder gestiegenen Leitzinsen sorgen für höhere Einnahmen aus dem Kreditgeschäft. Und traditionell ist der Wettbewerbsdruck für Großbanken schwächer als in Europa mit seinen vielen Ländern und Banken. Daher können US-Institute höhere Gebühren von ihren Kunden verlangen.

Den wichtigsten Grund sehen Experten jedoch in der Bewältigung der Folgen der Lehman-Pleite. »Die US-Banken sind schneller durch die Krise gekommen, weil die USA Banken unter staatlicher Regie beherzter ausgemistet und neu geordnet haben«, sagt Fabio De Masi, Obmann der Linksfraktion im Finanzausschuss des Bundestags, gegenüber »nd«. Mehr als 100 kleinere Regionalbanken mussten während der Finanzkrise schließen oder wurden fusioniert. Großbanken übernahmen strauchelnde Konkurrenten. So schluckte JP Morgan, abgesichert durch die Regierung, die Investmentbank Bear Stearns sowie die landesweit größte Sparkasse Washington Mutual.

Gleichzeitig stärkte die US-Regierung mit einer Finanzspritze in dreistelliger Milliardenhöhe das Eigenkapital der wankenden Geldgiganten. Wenig später zog das Finanzministerium das Kapital wieder ab und verhängte saftige Geldbußen wegen der dubiosen Immobiliengeschäfte, die 2007 in die Krise geführt hatten.

In Europa dauert der Umbau hingegen immer noch an. Jüngst räumte der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen ein, dass sein Haus um Staatshilfe hätte ersuchen sollen. Vorgänger Josef Ackermann hatte seinerzeit hingegen großspurig getönt: »Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden.« Aber auch Wolfgang Schäuble, seit 2009 Finanzminister, soll sein Veto eingelegt haben.

Doch auch Europa kennt Gewinner. In Deutschland und einigen anderen Ländern profitieren Banken und die Sparkassen von der langen guten Konjunktur. Dagegen ächzen Institute in Italien, Griechenland und anderswo unter einem Berg fauler Kredite. »Die Wurzel des Problems ist die Wettbewerbsschwäche an der Peripherie«, stellt Jochen Zimmermann, Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Bremen, fest. Hohe Staatsschulden und schwache Wirtschaftsleistung schwächten das Kreditportfolio der Banken immer weiter.

Zu den Gewinnern zählen auch die »Schattenbanken«. Kapital, welches nach höheren Renditen sucht und daher riskant angelegt werden muss, flieht aus den beaufsichtigten Banken in unregulierte Finanzfirmen. Selbst Versicherungen wie die Münchner Rück bereitet die neue Konkurrenz inzwischen Sorgen. So spekulieren milliardenschwere Investmentfonds mit »Katastrophen-Bonds« auf Stürme und Überflutungen. Mittlerweile werden 40 Prozent der europäischen Finanzmärkte von Schattenbanken kontrolliert, meldete kürzlich der EU-Systemrisikorat ESRB. Das entspricht einer Summe von 42 Billionen (!) Euro.

Zu den Gewinnern der Krise gehören auch Reiche und professionelle Geldanleger, die von den rasant steigenden Aktienkursen profitieren. So stieg der deutsche Leitindex DAX seit seinem Krisentief Mitte 2009 von deutlich unter 4000 Punkten auf jetzt über 12 000 Punkte. Getrieben wurde der weltweite Aktienboom von der Geldflut der Zentralbanken.

Zu den Verlierern zählt auch die Gerechtigkeit. »Die letzten beiden Rezessionen in Deutschland wurden dadurch ausgelöst, dass Finanzblasen geplatzt sind«, mahnt Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts IMK. Eine tiefe, lang andauernde Rezession schädige vornehmlich Menschen mit kleineren und mittleren Einkommen, die auf ihre Arbeit angewiesen sind.

So könnte das rasante Comeback der US-Großbanken noch zum Bumerang werden. Sie agieren, teilweise selbst über Schattenbanken, wieder ähnlich abenteuerlich wie vor der Krise. Zudem hat US-Präsident Donald Trump angekündigt, die Banken ganz von der Leine zu lassen. LINKE-Politiker De Masi warnt denn auch vor neuen Finanzblasen, da das billige Geld »angesichts unzureichender öffentlicher und privater Investitionen« in die Finanzmärkte floss.

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