Warum die AfD in Bayern nicht noch mehr Stimmen holte

Rechtsaußenpartei holt bei Landtagswahl rund elf Prozent der Stimmen / Intern wurde auf ein deutlich stärkeres Ergebnis gehofft

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

»Macht den Weg frei für Neuwahlen!«, ruft Alice Weidel wenige Minuten nach Bekanntwerden der ersten Wahlergebnisse bei der bayerischen Landtagswahl den Anhängern der AfD bei der Wahlparty im niederbayerischen Mamming zu. Die Fraktionsvorsitzende der Rechtsaußenpartei im Bundestag meint damit nicht eine Neuauflage der eben erst erfolgten Abstimmung im Freistaat - sondern auf Bundesebene. Denn: Dass sowohl CSU als auch SPD in Bayern verloren haben, sei auch Ausdruck des Zustands der Großen Koalition im Bund, so Weidels Logik.

Diese Kampfansage dürfte auch ein Versuch sein, das eigene Abschneiden bei der bayerischen Landtagswahl in ein besseres Licht zu rücken. Denn bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Das Ergebnis von rund elf Prozent ist aus Sicht der AfD durchaus ambivalent.

Richtig ist: Mit dem Einzug der radikalen Rechten in das Münchner Maximilianeum gelingt der AfD der Sprung in den mittlerweile 15. Landtag. Wenn die Umfragen nicht stark danebenliegen, wird die Partei in zwei Wochen auch in das hessische Parlament einziehen und wäre damit in allen 16 Landtagen präsent. Es scheint, als eilten die Rechten von einem Wahlerfolg zum nächsten.

Tatsächlich ist die Sache aber komplizierter. Die Parteiführung dürfte sich vom Urnengang in Bayern mehr erhofft haben. Noch bis September sahen Umfragen für die Rechten ein Wählerpotenzial von bis zu 14 Prozent.

Vergleiche zu früheren bayerischen Wahlen sind im Fall der AfD nur schwer möglich. Bei der letzten Abstimmung zum Landesparlament vor fünf Jahren trat die damals noch sehr junge Partei nicht an. Erste belastbare Werte lieferte 2014 die Europawahl und zuletzt die Bundestagswahl im vergangenen Herbst. Dabei fällt auf: Zur Europawahl, damals hieß der Parteichef noch Bernd Lucke, holte die AfD im Freistaat ein Ergebnis, das ein Prozentpunkt über dem bundesweiten Ergebnis von 7,1 Prozent lag.

Auch bei der Bundestagswahl lief es für die Rechtsaußenpartei in Bayern gut. Mit 12,4 Prozent der Wählerstimmen holte sie im Freistaat ein Ergebnis, dass nahe am bundesweiten Resultat von damals 12,6 Prozent der Zweitstimmen lag. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die AfD ihren Bundestagswahlerfolg wesentlich den überdurchschnittlichen Stimmenergebnissen in den ostdeutschen Ländern verdankte, während sie damals etwa in Nordrhein-Westfalen mit 9,4 Prozent oder in Schleswig-Holstein (8,2 Prozent) der Zweitstimmen deutlich weniger Zuspruch erhielt.

Auch vom aktuellen Hoch in den Umfragen zur Sonntagsfrage im Bund konnte die Bayern-AfD nicht profitieren. Würde aktuell ein neuer Bundestag gewählt, könnte die Partei dabei mit 15 bis 18 Prozent der Stimmen rechnen. Eine positive Sogwirkung des bundesweiten Trends gab es insofern bei der Abstimmung am heutigen Sonntag im Freistaat nicht.

Genau darauf hatte die Partei aber gesetzt und gehofft, dass der seit Monaten andauernde Streit der Unionsparteien in der Asyl- und Migrationspolitik auf die Bayernwahl abfärben könnte. Entsprechend setzte die AfD wieder einmal auf ihr Dauerthema Flüchtlinge. Zudem adressierte sie mit ihrem Wahlkampf primär enttäuschte Wähler*innen der CSU, indem sie etwa versprach: »Die AfD hält, was die CSU verspricht!« Eine den Rechten nahestehende Unterstützergruppe plakatierte gar: »Franz Josef Strauß würde AfD wählen«.

Die offensichtliche Wilderei in den CSU-Reihen trug durchaus Früchte. Laut Zahlen von Infratest dimap wechselten rund 180.000 Wähler von den Christsozialen zur AfD. Noch mehr, nämlich etwa 200.000 Menschen, wechselten von der CSU jedoch zu den Grünen. Offensichtlich ist die Rechnung längst nicht so einfach, dass von Ministerpräsident Markus Söder und Parteichef Horst Seehofer enttäuschte CSU-Wähler automatisch mit der AfD liebäugeln würden.

Dediziert eher liberale Anhänger der Christsozialen sahen in den Grünen eine Alternative, für das eher rechts positionierte Klientel der CSU blieb als Option zudem die Freien Wähler. Eine Gruppierung, die in Bayern ohnehin ein Sammelbecken für Rechtskonservative darstellt. Entsprechend konnte die Partei von Hubert Aiwanger auch um etwa 2,6 Prozentpunkte zulegen und kommt auf etwa 11,6 Prozent.

Bleibt am Ende noch ein wesentlicher Punkt für das Abschneiden der AfD: die Partei selbst. Der Landesverband gilt als zerrüttet, auf einen gemeinsamen Spitzenkandidaten konnte man sich nicht eignen. Doch dieses Dilemma spricht in der AfD niemand wirklich offen aus. Stattdessen seien wie so oft die anderen schuldig. Dass die Partei nicht besser abschnitt, »das hat sicherlich an der Hetze der Altparteien gelegen, vor allem der CSU«, sagte die Deggendorfer AfD-Politikerin Katrin Ebner-Steiner, Spitzenkandidatin in Niederbayern, am Sonntagabend bei der AfD-Wahlparty in Mamming laut dpa.

»Da müssen wir das nächste Mal etwas präventiv eingreifen, dass wir keine offenen Flanken bieten können.« Landesvizin Ebner-Steiner gilt als eine Verbündete des Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke und mögliche Anwärterin auf den Fraktionsvorsitz im bayerischen Landtag. Dass sie den Posten bekommt, ist nicht unwahrscheinlich, denn die niederbayerische Bezirks-AfD gilt als besonders einflussreich.

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