Wind Of Change

Tage wie diese: Journalisten bürgerlicher Medien feierten gemeinsam mit Rechtsextremen fröhlich eine Geburtstagsparty

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf seinem Weg nach ganz rechtsaußen hat der ehemalige »Spiegel«-Redakteur und »Welt«-Journalist Matthias Matussek viele neue Freunde gefunden: etwa den Dieter Stein, den Chef einer rechtsextremen Wochenschrift, die langjährige Berufsvertriebene und heutige AfD-Unterstützerin Erika Steinbach, die in den vergangenen Jahren hauptsächlich durch wirre und volksverhetzende Twitter-Beiträge auf ihren Geisteszustand aufmerksam machte, den Mario Müller von den rechtsextremen »Identitären«, der verurteilt wurde, weil er einen Antifaschisten schwer verletzt hat, und einen Haufen anderer Figuren dieser Sorte.

»Matussek nennt Müller in einem Facebook-Post meinen ›identitären Freund‹ und prahlt mit gemeinsamen Bergbesteigungen« (»Frankfurter Rundschau«). Auf einer von ihm ausgerichteten »Party« zu seinem 65. Geburtstag am 9. März hat Matussek seine Freundinnen und Freunde eingeladen und mit ihnen zusammen gefeiert, wie Fotos und Videos zeigen, die er selbst auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte.

Das allein wäre nicht weiter von Belang: Dass Matussek, ein bekennender katholischer Hardliner und Schwulenhasser, der sich selbst als einen »Nationalisten« betrachtet und sich schon immer traditionell gern zu Wort meldet, wenn sich Kameras und Mikrofone in seiner Nähe befinden, sich seit einiger Zeit gerne mit Rechtsextremen umgibt - vermutlich auch weil sein ehemaliger Arbeitgeber, der Axel-Springer-Verlag, und seine ehemaligen Freunde sich nach und nach von ihm verabschiedet haben -, ist schließlich seine Privatangelegenheit. Irgendwen muss es ja geben, der einem zuhört, wenn man das aus seinem früheren Leben so gewohnt ist.

Durchaus nicht nur Matusseks Privatangelegenheit, sondern möglicherweise auch von Interesse für die Öffentlichkeit ist es hingegen, dass auch Mitarbeiter der beiden deutschnationalen Illustrierten »Spiegel« und »Focus« und anderer sogenannter bürgerlicher Zeitungen fröhlich mitfeierten: Jan Fleischhauer (stramm rechter »Spiegel«-Kolumnist), Martin U. Müller (»Spiegel«), Alexander Smoltczyk (»Spiegel«), Stephan Sattler (»Focus«), Michael Klonovsky (Ex-»Focus«-Redakteur, heute Referent von Alexander Gauland), »Zeit«-Literaturredakteur Ulrich Greiner (Buchtitel: »Vom Recht, rechts zu sein«, »Heimatlos - Bekenntnisse eines Konservativen«), die rechte Autorin Monika Maron (»Links bin ich schon lange nicht mehr«) und der Ex-»Welt-am-Sonntag«-Redakteur und glühender Ernst-Jünger-Verehrer Heimo Schwilk etwa, der seit vielen Jahren an der Schnittstelle zwischen sogenannten Konservativen und den extrem Rechten herumhamstert. Auch der bekannte Journalistendarsteller Reinhold Beckmann (ARD) hatte Matusseks Einladung angenommen und dem Gastgeber ein Ständchen gespielt.

Was das bedeutet, ist offensichtlich: Seit eine rechtsextreme Partei im Bundestag indirekt mit den Ton in der Republik angibt und die bürgerlichen Parteien freimütig mit diesen Figuren kungeln und kuscheln oder zumindest keinerlei Berührungsangst zeigen, haben auch die sogenannten bürgerlichen Leitmedien ihre Berichterstattung erkennbar »angepasst«.

In der »Zeit« diskutiert man etwa darüber, ob es nicht vielleicht angemessen ist, Menschen ertrinken zu lassen, Fernsehtalkshows überbieten einander mit Themen wie »Wie deutsch dürfen wir sein?« oder wirken nicht selten wie als »TV-Diskussion« getarnter kostenloser Wahlkampf für AfD & Co., und in vielen Feuilletons werden gleichzeitig längst entsorgt geglaubte, fragwürdige »Werte« wie »Heimatliebe« und »Patriotismus« wiederentdeckt.

Es weht also erkennbar der Wind Of Change durchs Land, und wenn morgen die ersten CDU/AfD-Koalitionen vereinbart werden oder ein deutscher Trump den Laden übernimmt, will man keineswegs den Anschluss verpassen bzw. bei Pressekonferenzen gern auch künftig in der ersten Reihe sitzen.

Der ZDF-Moderator Jan Böhmermann traute sich bisher als einziger die Frage, ob man beim »Spiegel« davon wisse, dass seine Redakteure »ganz unbefangen Party mit Neonazis« feiern.

Öffentlich geäußert hat sich bislang kaum einer aus der Partygesellschaft. Auf Facebook schrieb Beckmann, der die Fotos, auf denen er mit einer Gitarre in den Händen in der illustren Runde von Rechtsextremen zu sehen ist, ja im Nachhinein schwer leugnen konnte, später über seine Anwesenheit auf der Party seines Kumpels Matussek: »Gehst du hin oder bleibst du weg? Ich habe lange überlegt, dann beschlossen, meinen Gitarrenkoffer zu nehmen und ihm mein vergiftetes Geschenk mitzubringen, meine Version des Bob-Dylan-Klassikers «Things have changed». Er sollte etwas zu kauen haben. Schluckbeschwerden bekommen.« Und weiter: »Ich habe mich da verlaufen. Ich hätte dort nicht hingehen sollen.«

Dass Beckmann sein Ständchen zu einer Art Widerstandsakt stilisiert, sollte einen nicht überraschen. Noch ist das gemeinsame Händchenhalten und Schnäpschentrinken mit Halb- und Zweidrittelnazis etwas, was nur die Wenigsten stolz vor aller Augen in der Öffentlichkeit zelebrieren. Schließlich geht es darum, einerseits der eigenen Karriere als hochwirksames TV-Gleitmittel auf keinen Fall Schaden zuzufügen, sich es aber andererseits auch mit niemandem vorschnell zu verscherzen.

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