Betreutes Fahren

Für die autonome Zukunft von BVG-Bussen gilt es, viel Wartezeit einzuplanen

  • Julian von Bülow
  • Lesedauer: 4 Min.

»Stehen Sie hier wegen des Busses?«, fragt ein Junge. »Dachtest du, wir starren hier Löcher in die Luft?«, antwortet die Rentnerin trocken. Sie und 14 andere Leute wollen am Tegeler Hafen die neu eingerichtete Linie mit selbstfahrendem Bus der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) testen.

Am vergangenen Freitag startete die BVG ihr fünf Monate währendes Projekt »See-Meile«. Dazu hat sie eine Teststrecke zwischen dem U-Bahnhof Alt-Tegel und dem Tegeler See eingerichtet, wo sich die selbstfahrenden Busse unter Realbedingung behaupten müssen. Außerdem wird getestet, ob die Leute überhaupt bereit sind, sich von einem Roboter durch die Stadt fahren zu lassen.

Draußen ist der Andrang groß, doch in das kleine Gefährt passen nur sechs Leute plus Begleiterin. »Ich warte jetzt schon seit 45 Minuten«, seufzt eine Frau genervt. Doch dann startet der kleine Elektrobus leise und auf Knopfdruck die etwa 1,2 Kilometer lange Rundfahrt.

Drinnen zieht die BVG-Begleiterin ein erstes Fazit: »Bisher fühlten sich fast alle Fahrgäste wohl. Lediglich ein kleiner Junge war etwas verängstigt.« Die Fahrgäste stimmen zu: »Das ist die Zukunft«, sagt der ehemalige Ingenieur und sehbehinderte Großvater zu seinem ebenfalls begeisterten Enkel. »Die Informationen über die Umgebung, die der Bus hat, hätte ich auch gerne!« Doch die Zukunft muss warten, denn vor einem in zweiter Reihe parkenden Auto bleibt der Bus stehen. Die BVG wirbt zwar mit »kleiner Gelber fährt sich selber«, doch nun ist es die Busbegleiterin, die den Schulterblick macht und die Hebel auf der Fernbedienung drückt. Alleine kommt der »kleine Gelbe« noch nicht mit der Situation zurecht.

Während sich der Bus an den parkenden Autokolonnen vorbeischiebt, will ein Fahrradfahrer überholen. Schnell drosselt der Bus vom Maximaltempo 15 Stundenkilometer herunter, denn Unfälle sollen auf jeden Fall vermieden werden. Dann hält der Bus an der nächsten Haltestelle, die Türen öffnen sich und wieder warten fünf Menschen. Ein älterer Herr fordert die Passagiere auf, auszusteigen, schließlich hätten sie den Bus nun testen können. Doch niemand regt sich. »Wir warten seit 20 Minuten. Es ist nicht nett, dass Sie jetzt weiterfahren«, ruft er in den Bus hinein. Entschuldigende Blicke, dann schließen sich die Türen auf Knopfdruck wieder. Für großen Andrang sind die Kleinbusse ohnehin nicht ausgelegt. Vielmehr gehe es darum, bestehende Lücken im Verkehrsnetz zu schließen, wie etwa Schienenersatzverkehre oder die sogenannte erste und letzte Meile zum Bahnhof, heißt es in einer Mitteilung zum Projektstart.

Der Bus setzt sich wieder in Bewegung, bleibt aber an der nächsten Kreuzung stehen. Der Bildschirm im Wageninneren leuchtet auf. »Kreuzungen, an denen rechts vor links gilt, muss ich freigeben«, erklärt die Begleiterin.

Es ist nicht Berlins erster hochautomatisierter Bus. Seit April 2018 fahren bei der Charité die rollenden Brotkästen umher, sowohl auf dem Campus in Mitte als auch beim Virchow-Klinikum. Doch während Berlin sein nächstes Pilotprojekt mit Bussen der Firma Easy-Mile startet, hat man in Paris zuletzt eines abgebrochen. Von Dezember 2017 bis Juli 2019 fuhren im Vorort La Défense Fahrzeuge des französischen Herstellers Navya, wie sie auch auch bei den Berliner Krankenhäusern eingesetzt werden. Zwar sei der Zuspruch unter Fahrgästen groß gewesen. Doch weil sich die Umgebung der Teststrecke durch Weihnachtsmärkte, Straßenfeste und Bauarbeiten regelmäßig geändert habe und man keine höhere Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte, entschieden sich die Beteiligten für den Abbruch des Projekts, heißt es in einer Mitteilung.

Der Unternehmenschef von Navya, Étienne Hermite, teilte Ende Juli mit, sein Unternehmen werde nicht mehr selbst an der Entwicklung autonom fahrender Busse arbeiten. Die Rechtslage sowie die Komplexität der Straße habe der Konzern unterschätzt, deshalb wolle man nun lieber Drittanbietern zuarbeiten.

Auch bei der BVG gibt man sich bezüglich der Zukunft eher vorsichtig. »Bisher ist das Fahren ohne Begleiter auf Basis der aktuellen Technik sowie rechtlichen Vorschriften und der komplexen Strecke nicht möglich«, so Sprecher Markus Falkner auf nd-Anfrage. Auf dem Charité-Campus Mitte wolle man aber bis zum April 2020 das vollautonome Fahren mindestens einmal testen.

»Und was passiert mit den Busfahrern?«, fragt der Enkel im Bus. »Die sterben sowieso aus. Wir haben Probleme, Personal zu finden«, sagt die BVG-Busbegleiterin.

Der »kleine Gelbe« fährt werktags von 7.30 bis 11 Uhr und von 15 bis 18.30 Uhr sowie am Wochenende von 10.30 bis 17.30 Uhr.

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