• OXI
  • Arbeit und Geschlechterverhältnisse

Auf den Leib geschnitten

Perlon, Nylon, Dederon: Was die Schürze über Arbeit und Geschlechterverhältnisse erzählt

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 6 Min.

Es heißt der Blaumann und die Schürze. Kaum ein Kleidungsstück kann sich so sehr darauf verlassen, dass sein Artikel in den meisten Fällen zugleich die Zuordnung beinhaltet, wer es trägt. Wenn die Schürze zum Schurz wird, wechselt sie das Geschlecht. Im Wortsinn und leibhaftig.

In der nostalgischen Verklärung verdichtet sich die Schürze zu einem Raum der Geborgenheit. Groß- und inzwischen Urgroßmütter in warmen Küchen. Immer ein Tuch für den laufenden Rotz der Kinder in der Schürzentasche, hautfarbene, dicke Strumpfhosen, im Sommer nacktes Bein, im Ländlichen die Gummistiefel oder -schuhe draußen vor der Tür, in der städtischen Küche rutschfestes Schuhwerk. Das Knistern einer frisch gewaschenen Schürze, die unendliche Palette geblümter Fröhlichkeit, die Entscheidung der Töchter und Enkeltöchter, niemals nie eine Schürze zu tragen. Und doch diese Wehmut, versicherte die Schürze zugleich die permanente Anwesenheit der Bezugsperson. In der Schürze verlässt frau nicht das Haus. Und wenn sie es doch tut, bleibt der Radius klein.

Dabei begann die Geschichte der Schürze nicht in der Küche und nicht mit Streublümchen. Ihre Karriere startete sie als Werk-Zeug, als Schutzkleidung, der ein Prestige beigegeben war, nämlich das, von einem Handwerker getragen zu werden. Dienstmädchenkluft und Uniform der Hausfrau, das kam später. Bis ins 19. Jahrhundert gehörte die Schürze zur Alltagskleidung der Mittel- und Unterschicht. Das also doch – die Oberschicht machte sich seit jeher damit nicht gemein. Aber wie es den Mittel- und Unterschichten so eigen ist: Sie wussten ihren Stolz zu wahren. Die derben Schürzen und die feinen signalisierten den Wechsel von der Plage zum Vergnügen. Grob gewebt und dem Schmutz trotzend oder prachtvoll bestickt und feiner der Stoff. Dann aber wurde die Schürze zu dem, was sie bis heute ist, sieht man von einigen Modetrends ab, die den Kittel zu neuen Weihen führen und auf den Laufsteg bringen. »Mit meinem neuen Label ›Kittelcouture‹ erleben Kittel und Schürzen für Frauen, wie man sie von früher kennt, die ultimative Renaissance«, schreibt die Modefrau Dagmar Lanz auf ihrer Website. Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Beiden – den Dienstmädchen und den Hausfrauen – gab die Schürze lange den Nimbus der stetig Verfügbaren. Dann wurden die Farben und Muster fröhlich. Wer arbeitet nicht gern im Haushalt für die Lieben? Pflegeleicht wurde alles mit Perlon, Nylon oder Dederon (die DDR-Variante): waschen, trocknen, tragen. Superpraktisch eben, meine Schürze, mein Reich, meine Arbeit.

Dem Blaumann aber wurde eine andere Geschichte geschrieben. Die Handwerker waren ihre eigenen Herren. Sie kleideten sich bereits ab dem 12. Jahrhundert in blaue Gewänder. Blau war die Farbe des Alltags, weitaus kostengünstiger als die teuren Mischfarben grün oder goldgelb oder rot, die der Adel trug. Schwarz war für Priester reserviert. Also blau. Das Handwerk war logischerweise Männersache. Zur Schürze für die schwere Arbeit gesellte sich der Blaumann. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ihm die Blaufrau zur Seite zu stellen. Als Frauen sich dann doch des Overalls bemächtigten, kamen jene, die das taten, in Schubladen, auf denen oft irgendwas mit feministisch oder lesbisch oder öko oder alles in einem stand. Ökofeministische Lesbe träfe es vielleicht.

In den ländlichen Baumärkten hängen auch heute die blauen Overalls und Latzhosen, denen fälschlicherweise ebenfalls angeheftet wird, ein Blaumann zu sein, vornehmlich in der Männerabteilung. Da, wo die großen Gummistiefel stehen, die dick wattierten karierten Jacken und die robusten Pullover liegen. Trotzdem muss gesagt werden: Hier wie dort ist die Geschlechterteilung mehr und mehr aufgebrochen worden – das Wort Blaumann kann der Realität nicht mehr folgen. Zumal das Stück irgendwann den Laufsteg erobert hat. Der Overall ist schick, en vogue, gar Luxusmarke geworden, Online-Modehändler verzeichneten 2018 eine Steigerung der Nachfrage gegenüber dem Vorjahr um 70 Prozent.

Es ließen sich bei der Betrachtung also viele Wege einschlagen. Die Schürze wird zum Kittel, wenn sie mit entlohnter Arbeit in Berührung kommt. Arzt, Näherin, Apotheker, Krankenschwester, Kellner, Metzgerin. Sie gerinnt zur Tradition, ist sie Bestandteil der Tracht. Sie nivelliert Einkommensunterschiede, gehört sie zur Schuluniform.

Die Schürze kann so viel. Am stärksten jedoch wird sie auch heute verbunden und in Zusammenhang gestellt mit Hausarbeit. Unbezahlter. Dort gehört die Schürze eigentlich hin und dahin ist der Blaumann nie gekommen, obwohl er für einen großen Frühjahrsputz in der Wohnung ein sehr geeignetes Kleidungsstück wäre. Im kollektiven Bewusstsein aber bilden Hausfrau und Schürze eine untrennbare Einheit. Und die Geschichte dieses Kleidungsstücks, schrieb die Kulturwissenschaftlerin Elke Gaugele in dem Buch »Schurz und Schürze – Kleidung als Medium der Geschlechterkonstruktion«, sei ein stoffgewordenes Beispiel für die Emanzipation der Frau. Die sich des Kleidungsstücks entweder entledigten oder es zweckentfremden und somit seiner Ordnungsmacht berauben.

Vor zehn Jahren noch konstatierte eine Marketingmitarbeiterin des Versandhandels »Quelle«, dass sich der Markt für Kittelschürzen rasant verkleinere, die Käuferinnen zum überwiegenden Teil älter als 50 Jahre seien und dass die Schürze in den westlichen Bundesländern deutlich öfter getragen würde als im Osten des Landes. Das mag sich bis heute nivelliert haben. Zuungunsten der Schürze.

Else Tetzlaff, Ehefrau des Ekels Alfred, trug ständig Schürze und das Kleidungsstück schneiderte ihr die Rolle der »dussligen Kuh«, wie Alfred sie oft nannte, auf den Leib. Und das war so typisch deutsch, wie es groß italienisch war, als die Filmemacher des Neorealismus ihren Göttinnen Schürzen anzogen. Gina Lollobrigida, Sophia Loren, Anna Magnani – wer würde sie je Hausfrau schimpfen? Stattdessen gelang es dem italienischen Film, der Schürze jene Erotik zu verleihen, die sie hierzulande niemals nie bekommen könnte.

Hierzulande war es Else Kling aus der »Lindenstraße«, die in den Folgen 1 bis 1069 den Typus nervig-neugierige Hausfrau verkörperte. Keinesfalls kämpferisch, nicht schön, nicht begehrenswert. Hausfrau eben. Kopftuch, Besen, ständig ein Ohr an fremden Türen, aber immerhin: Else Kling starb nicht in eine Schürze gewandet.

Frauen hüben wie drüben, drüben mehr, wenn drüben DDR meint, tauschten nach der Lohnarbeit zu Hause Kleider gegen Schürze, um ihre zweite Schicht (wie es in der DDR genannt wurde) zu absolvieren. Am Fakt hat sich nichts geändert, an der Bekleidung sehr wohl.

Das Geld, das sie sich vorher verdient hatten konnte nicht dafür sorgen, dass ihnen am Abend nach Feiern zumute war. Stattdessen Haushalt, Care in all ihren Darreichungsformen, die Stütze einer jeden Gesellschaft. Unbezahlbar, also nicht bezahlt.

Bei Amazon kann man eine Spaßschürze erwerben, auf der ein schöner Frauenkörper in reizender Unterwäsche zu sehen ist. Die Trägerin kann putzen und machen und dabei noch die Fantasie desjenigen anregen, der ihr dabei zuschauen darf. Ob diese Teile Käuferinnen finden oder Käufer, die sich damit einen Herzenswunsch erfüllen, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen.

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