Die gute und die böse Macht

Amazon bringt es nicht

  • Von Mario Pschera
  • Lesedauer: 3 Min.

Von Stefan Heym stammt der Satz: »Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut.« Er gilt in der politischen wie in der ökonomischen Sphäre und im Privaten, das immer auch das Politische ist, sowieso.

Das Versprechen höchster Qualität zu niedrigsten Preisen zu schnellsten Lieferzeiten war lange der unwidersprochene Slogan von Amazon, den beispielsweise die privatisierte Posttochter DHL mit Sonderkonditionen päppelte, während die Preise für Büchersendungen für Verlage und Buchhandlungen deutlich angehoben wurden.

Jeder Klempner oder Gemüsehändler weiß, dass im magischen Dreieck Preis-Qualität-Zeit dieser Slogan eine Werbelüge ist. Um die Quadratur des Kreises zu verdeutlichen, muss auch noch die menschliche Arbeitskraft mit eingepreist werden. Gern greifen Lieferdienste bei einem ohnehin schon erbärmlichen Mindestlohn auf Subunternehmer zurück, die bei einem 14-Stunden-Tag effektiv auf fünf Euro die Stunde kommen. Der Amazonchef mag keine Gewerkschaften und keine Firmensitze, an denen man Steuern zahlt. So wie der Klempner.

Oder auch die örtliche Buchhandlung. Die wird vielleicht nicht so stinkreich wie Jeff Bezos, tut aber einiges mehr für das Gemeinwesen als der Mann, der gelegentlich ein paar Krümel Wohltätigkeit von dem Kuchen abgibt, für den andere in der Backstube schwitzen. Sie lässt keine Algorithmen Kaufvorschläge machen, berät persönlich, geht auf die Leserinnen und Leser ein, und empfiehlt auch Schätze abseits der Bestsellerlisten. Aber auch manche großen Zwischenbuchhändler spielen gerade ihre Marktmacht aus, fahren die Krallen aus. Viele kleinere Verlage haben diese Woche Post erhalten, dass man ihre Bücher nicht mehr ausliefern wolle, das Verkaufsrisiko sei zu hoch. Aber man biete an, die Buchinhalte im Print-On-Demand-Verfahren zugänglich zu machen. Kostet natürlich extra. Statt handwerklich durchdachten und gestalteten Büchern auf ausgesuchtem Papier gibt es zusammengeklebten Digitaldruck mit labbrigem Umschlag. Deutlicher kann man seine Verachtung für das Kulturgut Buch und seine Reduktion auf seinen Warencharakter nicht ausdrücken.

Jetzt ist die Zeit, dass wir unsere Macht als Produzenten, Distributoren und Konsumenten gebrauchen und den Gierigen auf die Finger hauen. In vielen Bundesländern müssen Buchhandlungen geschlossen bleiben. Aber sie haben Onlineshops, bieten Abholstationen und einen Lieferservice an - manche auch mit dem Fahrrad. Das Stöbern in Büchern muss sein, und gerade unter ungewöhnlichen Bedingungen muss man nach Alternativen suchen. Deshalb, zu unser aller Nutzen, machen wir im »nd« diese Bücherseiten mit den Leseproben. Stöbern Sie, empfehlen Sie weiter und lassen Sie Amazon und Co. links liegen. Solidarität ist eine Waffe. Immer und überall.

Informieren Sie sich in unserem Dossier »BuchPlan C«. Novitäten und Programmvorschauen von meist alternativen Verlage machen wir sowohl im FMP1 als auch im Internet dem interessierten Publikum zugänglich.

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