Sanfte Öffnung in harten Zeiten

Der Tourismus in Deutschland und Europa ist zum Erliegen gekommen - ein Wiederauferstehen wird noch dauern

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Jahr schreitet voran und die touristische Hauptsaison rückt näher. Potenzielle Touristen fragen sich, ob und wo sie ihren Urlaub außerhalb der eigenen vier Wände verbringen können. Und die Tourismusbranche fragt sich, ab wann sie wieder Gäste beherbergen und Geld verdienen kann. Auch wenn durchaus dynamisch über immer weitere Lockerungen der Corona-Beschränkungen diskutiert wird und die Existenzsorgen der Betroffenen stetig wachsen - noch dämpft die Politik mit Verweis auf die nicht ausgestandene Covid-19-Pandemie die Erwartungen an eine schnelle und weitreichende Öffnung der Branche.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) etwa erklärte am Wochenende in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe: »Beim Sommerurlaub müssen wir mit Bedacht vorgehen und uns schrittweise an vertretbare Lockerungen herantasten.« Sie rate zu einem Sommerurlaub auf dem Land. »Im ländlichen Raum gibt es viele kleine Ferienwohnungen bis hin zum Urlaub auf dem Bauernhof mit eigenem Wohnbereich«, so Klöckner. Auch viele Landgasthöfe böten Platz für ausreichend Abstand zueinander. »Für diese Bereiche könnte ich mir gut vorstellen, dass sie Teil unserer Urlaubsplanungen sein könnten, wenn Abstands- und Hygieneregeln auch wirklich einzuhalten sind.«

Auch Thomas Bareiß (CDU), Tourismusbeauftragter der Bundesregierung, hält Sommerurlaub in Deutschland für möglich. Gegenüber der dpa erklärte er: »Große Fernreisen werden in diesem Jahr eher ausfallen. Es steht für viele Heimaturlaub auf dem Programm. Ich gehe davon aus, dass das möglich sein wird, hoffentlich auch schon im Sommer.« Voraussetzung seien aber klare Sicherheitskriterien.

Außenminister Heiko Maas (SPD) schließlich verwies in der »Bild am Sonntag« auf die europäische Dimension und die Gefahren eines Wettlaufs darum, »wer touristische Reisen zuerst wieder zulässt«. Er forderte gemeinsame Kriterien für einen Weg zurück zur Reisefreiheit. »Was ein Infektionscluster in einem beliebten Urlaubsgebiet in den Heimatländern der Touristen anrichten kann, haben wir bereits erlebt. Das darf sich nicht wiederholen«, erklärte Maas mit Blick auf die Virus-Übertragungen im österreichischen Skiort Ischgl.

Am Montag berieten auf EU-Ebene die für den Tourismus Zuständigen in einer Videokonferenz die Krisenauswirkungen. In Deutschland sind nach Angaben des Tourismusbeauftragten Bareiß mehr als drei Millionen Menschen in der Branche beschäftigt. Europaweit steuere Tourismus zehn Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, fast zwölf Prozent der Erwerbstätigen arbeiteten in diesem Bereich, sagte der kroatische Tourismusminister Gari Cappelli. Kroatien hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne. Vor der Öffnung sogenannter Touristenkorridore müssten Epidemiologen befragt werden, um Sicherheitskriterien aufzustellen, erklärte Cappelli und fügte hinzu: »Es scheint genügend guten Willen und den Wunsch zu geben, einen Weg zu finden, Länder wieder miteinander zu verbinden.« Bareiß betonte nach dem virtuellen Treffen, nötig sei jetzt eine »Strategie für einen gemeinsamen Neustart des Tourismussektors in der EU.«

Zu ihrem ersten Treffen sollte am Montag auch die kürzlich beschlossene Task-Force Tourismus in Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt Schwerin zusammenkommen. Ihr gehören Vertreter von Landesregierung, Gastronomie und Tourismuswirtschaft an. Teile der Branche, die einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Bundeslandes ist, fordern von der Politik ein konkretes Datum für einen Neustart. In der vergangenen Woche hatte die Landesregierung einen Fünfstufenplan vorgestellt, der vielen nicht weit genug geht. Demnach soll frühestens am 5. Mai über die schrittweise Öffnung von Gaststätten entschieden werden, über die von Hotels erst später.

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