Bedrohte Lebensweise

Die Quilombolas sollten schon einmal umgesiedelt werden. Nun droht die erneute Vertreibung.

  • Von Peter Steiniger
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit handwerklicher Fischerei an der Küste, in den Flüssen und Seen sowie Landwirtschaft auf kleinen Parzellen mit fruchtbaren Böden, der Jagd und dem Sammeln von Früchten sichern sich die Quilombolas von Maranhão ihr Überleben. Ihre Dorfgemeinschaften sind sich nachbarschaftlich eng verbunden, viele Feste und religiöse Rituale werden gemeinsam begangen.

Die Austernsammlerin Wesley Santos Ferreira (Foto links) ist in Mamuna zu Hause. 71 Familien bewohnen die Ansiedlung der Nachfahren afrikanischer Sklaven, die 35 Kilometer vom Hauptort des Gemeindegebiets entfernt liegt. Die 1648 gegründete Kleinstadt Alcântara mit etwa 4000 Einwohnern hat schon größere Tage gesehen. Heute ist der Reichtum verblasst, den die hiesigen Plantagenbesitzer durch Sklavenarbeit im 18. Jahrhundert mit Baumwolle und im darauffolgenden mit Zuckerrohr anhäuften. Eine Fähre verbindet Alcântara mit Maranhãos Hauptstadt São Luís, die einzige feste Straße dorthin führt über hunderte Kilometer um die Bucht Baía de São Marcos herum.

Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden ökonomischen Niedergang und schließlich der Aufhebung der Sklaverei gaben im großflächigen Gebiet Alcântara immer mehr Besitzer ihre Güter auf. Sklaven und Freigelassene nahmen den Boden gemeinschaftlich in Besitz und betrieben darauf Bedarfswirtschaft. Nach und nach gingen sie dazu über, Mehl und Reis auch für den lokalen Markt zu produzieren und damit die gesamte Region zu versorgen.

Die Gemeinschaft Mamuna steht seit drei Jahrzehnten in Konflikt mit dem in ihrer Nachbarschaft errichteten Raketenstartplatz, einem noch unter der Militärdiktatur (1964-1985) begonnenen nationalen Prestigeprojekt. Es ist die weltweit am dichtesten am Äquator gelegene Einrichtung dieser Art. Unter Ausnutzung der Erdrotation lassen sich von hier aus Ladungen mit wenig Treibstoff und dadurch kostengünstig in eine Erdumlaufbahn befördern. Viel mehr als Ärger hat Alcântara Brasilien bisher nicht gebracht. Es fehlt dem Land weiter am entsprechenden Know-how. 2003 warf die Explosion einer Satelliten-Trägerrakete auf dem Startplatz Brasílias Weltraumpläne weit zurück. 21 Arbeiter waren bei der Tragödie ums Leben gekommen. Den vereinbarten Start einer ukrainischen Cyclone-4-Rakete ließ Brasilien 2015 platzen, nachdem die Kosten aus dem Ruder gelaufen waren. Die USA wollen für Satellitenstarts Geld zahlen, aber kein technologisches Wissen teilen und sich auch in Bezug auf ihre Fracht nicht in die Karten schauen lassen. US-Spezialisten erhalten Sonderrechte auf brasilianischem Territorium.

Das traditionelle Leben der Einwohner von Mamuna stand bereits Anfang der 1980er Jahre auf dem Spiel, als ihre Gemeinschaft zu denen gehörte, die für die Errichtung der Basis umgesiedelt werden sollten. Den Familien in Mamuna und elf weiteren Gemeinschaften (Baracatatiua, Brito, Mamuninha, Itapera, Canelatiua, Santa Maria, Quero ver, Peri Açu, Cajubal, Bom Viver und Pacuri) blieb dieses Schicksal damals erspart. Schlechter erging es 32 Quilombos, denen ihr angestammtes Land genommen wurde. An sieben neuen Orten mussten die Menschen sesshaft werden: Peru, Marudá, Cajueiro, Só Assim, Pepital, Espera und Ponta Seca. Außer Gefahr sind die evangelikal geprägte Siedlung Vista Alegre und Arenheguaua mit ihren hohen Juçara-Palmen (Fotos links), in der etwa 80 Familien zu Hause sind. Sie liegen weit genug weg von der Basis und etwa 60 Kilometer entfernt von Alcântara.

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